Die Herausforderung des Neuanfangs

Die Herausforderung des neuen Lebens

In dieser Vorweihnachtszeit werden unsere Gedanken auf den Neuanfang gelenkt, den Gott mit dieser Welt in Christus gemacht hat. Was für ein Paukenschlag! Die himmlischen Heerscharen verkünden es nicht in den Machtzentren der Welt, sondern den Hirten auf dem Felde: die Menschheit bekommt eine neue Chance. Der Messias, der Friedefürst liegt in der Futterkrippe, in schlichten Windeln gewickelt. Noch hatte er keine Macht. Diese wird er ein Leben lang nicht ausüben. Erst durch seine Erhöhung am Kreuz und die Aufnahme zur Rechten des Vaters geht die verheißene Macht an ihn über. Ein Neuanfang in der Erniedrigung. Ein Neuanfang, dem geglaubt werden muss. Während der ganzen Zeit seines Dienens an der Menschheit bis zu seinem Tod und seiner Auferstehung bleibt es auch für die Jünger Jesu eine offene Frage, wer dieser Mensch ist! Weil Jesus diesen Weg der Erniedrigung in Treue und Gehorsam gegangen ist, hat Gott erhöht und ihm den Namen gegeben, der über jedem Namen ist (Phil 2,5-11) und somit einen neuen Bund, eine neue Ordnung geschaffen, in der Menschen mit ihrem Schöpfer durch Christi Sühnetod versöhnt werden können. Durch die Wiedergeburt von oben her, in der der Geist Gottes selbst den Menschen beseelt, werden Schöpfer und Geschöpf wieder vereint.

Als ich diese Zeilen schreibe ist die Tageslosung: „Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, beständigen Geist.“ (Ps 51,12) der Prophet Hesekiel führt den gleichen Gedanken noch ausführlicher aus: „Werft von euch alle eure Übertretungen, die ihr begangen habt, und macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist. Denn warum wollt ihr sterben, ihr vom Haus Israel?“ (Hes 18,31); „Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben.“ (Hes 36,26)

Der größte Neuanfang ist die Wiedergeburt, in der ein neues Leben beginnt. Die schönste Herausforderung überhaupt ist das neue Leben in Christus. Diesem Anfang wohnt wahrhaft ein Zauber inne… Sie kennen sicher die Worte Hermann Hesses: „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“. Damit will er sagen: Mit jedem Neuanfang gibt es neue Chancen und Möglichkeiten, teilweise aufregende Aussichten, Neugierde und gespannt Sein auf Überraschungen. Vor allem wenn wir aus Unzufriedenheit mit einer Situation bewusst Veränderung suchen, teilen wir die „verzweifelt-optimistische“ Sicht des Dichters, der diesen Spruch in seinem Gedicht „Stufen“ verewigt hat. Dass es bei seinem Leben immer wieder eine „Flucht nach vorne“ war, deutet er in der letzten Zeile selbigen Gedichts an: „Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“ Die „Flucht nach vorne“ hat aber grundsätzlich ein Problem: wir nehmen uns selber überall mit. Einen wirklichen Neuanfang gibt es nur dort, wo das alte vergeht und ein neues entsteht. 2.Kor 5,17 schreibt Paulus „Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ Das ist möglich, weil Gott uns um Christi willen die Schuld vergibt. Das neue Leben gibt es nur, wo vergeben wird! So können wir einen echten Neuanfang machen.

In unserer sich so rasant verändernden Welt gilt eher ein anderer Spruch: „Aller Anfang ist schwer“, sagt der Volksmund. Diese Volksweisheit beruht auf Erfahrungswerten aus Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte. Auch wir haben unsere persönlichen Erfahrungen mit Neuanfängen gemacht: Wissen Sie noch, was das für eine Anspannung im Bauch war, vielleicht sogar mit Tränen verbunden, als sie von ihrer Mutter in den Kindergarten gebracht wurden? Wie war das dann am ersten Schultag? Oder nach einem Schulwechsel in eine neue Schule? Wie sah es aus im ersten Monat ihres Berufslebens? War das alles eitel Sonnenschein? Oder wurden ihnen ihre Grenzen auch bewusst – bzw. deutlich gemacht von Kolleginnen und Kollegen oder dem Chef? Selbst bei wunderschönen Neuanfängen, wie beim Leben zu zweit nach der Eheschließung, gibt es so manch einen Stolperstein auf dem Weg. Auch hier bleiben Probleme und Konflikte nicht aus. Bei einem Arbeitsplatzwechsel, bei einem Umzug, wenn das erste Kind geboren wird, wenn das letzte Kind das Haus verlässt, wenn der Abschied aus dem Berufsleben und der Anfang des Ruhestandes erreicht wird oder einen überrollt, überall müssen wir uns umstellen lernen, überall müssen wir uns der Situation neu anpassen.

Der britische Psychotherapeut und bekennende Christ Gaius Davies macht in seinem hervorragenden Werk „Stress“ darauf aufmerksam, dass solche Neuanfänge unheimlich viel Stresspotenzial in sich bergen. Gerade Missionare erleben unheimlich viele Neuanfänge der ganz besonderen Art durch ihre Berufung zum Dienst in der Mission. Allein das abhängig Sein von einem Spenderkreis ist eine völlig neue Erfahrung, die für viele schwer zu bewältigen ist. Hat einer früher im Beruf sein Gehalt verdient, so ist er als Missionar auf das Wohlwollen der Geschwister in der Heimat angewiesen. Noch schwieriger ist die Umstellung auf ein neues Lebensumfeld. Meistens müssen Missionare mindestens eine neue Sprache lernen – manchmal mehrere. Das bedeutet nichts anderes, als mit jeder neuen Sprache eine ganz neue Denkweise sich anzueignen. Dazu kommt die Notwendigkeit, eine neue Kultur zu erlernen. Das bedeutet wiederum nicht weniger als das Leben neu zu lernen! Selbst bei einheimischen Missionaren, die diese beiden letztgenannten Neuanfänge nicht durchmachen müssen, gibt es grundsätzlich eine ganz andere Offenheit für Veränderung in der Lebensgestaltung, weil das Leben als Missionar selten in gleichem Maße planbar ist wie ein normales Berufsleben.

Wie gut, dass Missionare keine Chance haben, ihre so wichtige und gleichzeitig so schwierige Aufgabe zu erfüllen, wenn sie es nicht in der Abhängigkeit von Gottes Wort und Gottes Geist wagen. Gott hat sich nämlich auf Neuanfänge spezialisiert. Die Treulosigkeit und Ungehorsam der Menschen von Anfang an im Paradies und über die Jahrtausende der Geschichte seither hinweg hat Gott immer wieder von neuem dazu veranlasst, Möglichkeiten des Neuanfangs für uns zu schaffen. Adam und Eva bekommen einen Neuanfang jenseits von Eden. Der Brudermörder Kain bekommt einen Neuanfang als beschützten, markierten Mann jenseits seiner Familie und Verwandtschaft in einer neuen Umgebung und neuen Kultur. Die Menschheit bekommt einen Neuanfang durch Noah und seine Familie jenseits der Sintflut in einer angepassten Schöpfungsordnung. Dasselbe gilt auch für Abraham, durch dessen Neuanfang in Kanaan der Same gesät wird für den Segen, der im Neuanfang durch Jesus Christus der ganzen Welt geboten wird. Durch sein Leben und Wirken, durch sein stellvertretendes Leiden und Sterben, durch seinen Tod und seine Auferstehung mitsamt der Gabe seines Heiligen Geistes gibt es dann auch die Neuanfänge des Lebens im Heiligen Geist, der Gründung der Gemeinden, der Entstehung der Kirchen und – last, but not least – gibt es den Klimax aller Neuanfänge: das neue Jerusalem, einen neuen Himmel und eine neue Erde: „Siehe, ich mache alles neu“ (Offb 21,5). Bis dahin habe wir aber vermutlich einige Herausforderungen durch Neuanfänge zu bewältigen!

Die Herausforderung durch die Säkularisierung

Die Neuzeit stellt den Anspruch, allein durch den menschlichen Geist den neuen Menschen zu schaffen. Das gilt für die Aufklärung, für den Sozialismus und Kommunismus, für die Moderne und für die Postmoderne. Dass eine Enttäuschung über die Kirchen und ihre Christen dabei eine Rolle gespielt hat, liegt auf der Hand. Wie Friedrich Nietzsche, der den Satz „Gott ist tot“ geprägt hat, es in versteckter, aber umso beißender Kritik an die Christen sagte: „Bessere Lieder müßten sie mir singen, daß ich an ihren Erlöser glauben lerne: erlöster müßten mir seine Jünger aussehen!“ [Friedrich Nietzsche: Werke und Briefe: Zweiter Teil. Also sprach Zarathustra. Bd. 2, S. 350) (c) C. Hanser Verlag] Um es wieder mit Worten Hermann Hesses zu sagen, Jesus idt nur noch „Bruder“:

Jesus und die Armen

Aus: Hermann Hesse, Die Gedichte. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995 (1953). Seite 587. 

Du bist gestorben, lieber Bruder Christ,
Wo aber sind die, für die du gestorben bist?

Du bist gestorben für aller Sünder Not,
Aus deinem Leibe ward das heilige Brot,
Das essen sonntags die Priester und die Gerechten,
An deren Türen wir Hungrigen fechten.

Wir essen dein Brot der Vergebung nicht,
Das der fette Priester den Satten bricht;
Dann gehn sie, verdienen Geld, führen Krieg und morden;
Keiner ist durch dich selig geworden.

Wir Armen, wir gehen auf deinen Wegen
Dem Elend, der Schande, dem Kreuz entgegen,
Die andern gehen vom heiligen Nachtmahl heim
Und laden den Priester zu Braten und Kuchen ein.

Bruder Christ, du hast vergebens gelitten –
Gib du den Satten, um was sie dich bitten!
Wir Hungrigen wollen nichts von dir, Christ;
Wir lieben dich bloß, weil du unser einer bist.

Die Herausforderung durch die Säkularisierung lautet: der christliche Glaube muss sich unter Beweis stellen. Nur dort, wo der gelebte christliche einen Unterschied macht, wird er respektiert und geachtet. Wir müssen uns an der eigenen Nase packen und fragen, warum unser christliches Zeugnis so wenig angenommen wird. Wir haben einen missionarischen Auftrag, eine Verantwortung den Menschen gegenüber, in deren Mitte wir leben. Wenn unser Leben als Christen nicht einladend ist, wird die Einladung auch nicht angenommen werden. Das ist eine Herausforderung an uns in unserer eigenen Gesellschaft. Dazu erwächst uns aber eine weitere Herausforderung, die von außerhalb unseres Kulturkreises auf uns zukommt:

Die Herausforderung durch den demographischen Wandel

Wie schon im Jahr 2007 durch das Statistische Bundesamt veröffentlicht wurde, bewegen wir uns in Deutschland rapide auf eine muslimische Mehrheit zu. Diese soll laut statistischer Berechnung des Amtes im Jahre 2052 zustande kommen. Freilich kann auch ein statistisches Bundesamt nicht in die Zukunft schauen, aber alle Daten die wir im Blick auf Geburtsrate, Sterblichkeit, Zuwanderung und Auswanderung haben, lassen nur diesen Schluss zu: weil die angestammte deutsche Bevölkerung zu wenig Kinder in die Welt setzt (jede Generation halbiert sich) brauchen wir dringend Einwanderer, die aus gegenwärtiger Sicht nur aus der islamischen Welt, vornehmlich Nordafrika, Nahost und der Türkei, kommen können.

Das bedeutet eine weitere ungeheure missionarische Möglichkeit und Verantwortung, für die wir noch weniger gerüstet sind als für die Herausforderung in unserer eigenen Gesellschaft durch die Säkularisierung und Entchristianisierung!

Die Hoffnung, die wir als Christen haben

Diese Herausforderungen können einen schier erdrücken. Wie gut, dass wir nicht diese Last auf unseren Schultern tragen müssen! Der, der uns einlädt, sein Joch auf uns zu nehmen, sagt davon, dass es ein sanftes Joch ist und dessen Last leicht. Warum ist das so? Weil er selbst neben uns im Joch steht und die Hauptlast trägt. Es geht nur darum, dass wir an seiner Seite bleiben, seinem Wink folgen, seinen Willen tun. Da wird er uns schon zu seinem Ziel hinführen. Das ist unser Trost und unserer Hoffnung: Er selbst wird alles neu machen und er, der Herr der Geschichte, hat den Sieg bereits errungen. Durch alle würden der Zeit hindurch, bei allen Stürmen, die sich zusammen zu brauen scheinen heißt es: Joh 16,33 „Das habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Er, unser Herr, hat die Herausforderung des Neuanfangs nicht gescheut, ist Mensch geworden, um uns den Neuanfang zu ermöglichen. Davon bezeugt Paulus (Phil 1,6) „und ich bin darin guter Zuversicht, dass der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird’s auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu.“

(erschien in dem Newsletter des Missionsbundes Licht im Osten zu Weihnachten 2012)

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