Wenn nur Christus gepredigt wird!

Predigt am Sonntag Lätare 2012 in Derendingen

 

Phil 1,15-21

15 Einige zwar predigen Christus aus Neid und Streitsucht, einige aber auch in guter Absicht:

16 diese aus Liebe, denn sie wissen, dass ich zur Verteidigung des Evangeliums hier liege;

17 jene aber verkündigen Christus aus Eigennutz und nicht lauter, denn sie möchten mir Trübsal bereiten in meiner Gefangenschaft.

18 Was tut’s aber? Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darüber. Aber ich werde mich auch weiterhin freuen;

19 denn ich weiß, dass mir dies zum Heil ausgehen wird durch euer Gebet und durch den Beistand des Geistes Jesu Christi,

20 wie ich sehnlich warte und hoffe, dass ich in keinem Stück zuschanden werde, sondern dass frei und offen, wie allezeit so auch jetzt, Christus verherrlicht werde an meinem Leibe, es sei durch Leben oder durch Tod.

21 Denn Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn.

 

 

Wenn nur Christus gepredigt wird!

 

Wie das gehen soll? Aus der falschen Motivation heraus predigen? So abwegig ist der Gedanke wohl nicht! Schon öfters hat es das gegeben, dass ein aufgebrachtes Gemeindeglied seinem Ärger Luft gemacht, dass der Prediger es wohl besonders auf ihn abgezielt hätte. Es denken also schon Menschen, dass ein Prediger sein Amt missbrauchen könnte, um Dinge, die in der Seelsorge gesagt gehören, an „die große Glocke“ zu hängen. Vielleicht gibt es das vereinzelt auch wirklich in der Praxis – da möchte ich mir kein Urteil erlauben. Dass Prediger aber die Kanzel missbrauchen, um ihre persönlichen Gedanken und Lieblingsthemen zu verkünden haben langjährige Gottesdienstbesucher sicherlich an dem einen oder anderen Ort erlebt.

 

Wenn nur Christus gepredigt wird! Als Paulus diese Worte schreibt, sitzt er im Gefängnis der prätorianischen Garde an der Nordmauer der Stadt Roms und wartet auf die abschließenden Verhandlungen in seinem Prozess. Ich rufe in Erinnerung: Paulus hatte sich auf den Kaiser berufen, um die Rechtmäßigkeit des Evangeliums von Jesus Christus als legitime Ausdrucksform des alttestamentlichen Glaubens durch höchste Instanz bestätigen zu lassen. Es ging um nichts Geringeres als die Zusicherung der Glaubensfreiheit bzw. Religionsfreiheit für die Christen der ersten Gemeinden im römischen Reich. Den Juden war die Religionsfreiheit nach vielen Glaubenskriegen als einzige Religionsgemeinschaft von den Römern gewährt worden, nur sie waren davon befreit, dem Kaiser als „Gott“ Opfer darzubringen. Nun leugneten eben ein Teil der Juden, dass die Christen Juden wären, deren Messias der Messias der Juden sei.

 

Oftmals vergessen wir, dass unser Glaube und unsere Praxis aus dem Judentum, aus dem Volk Israel hervorgingen. Erst als das Apostelkonzil die Entscheidung traf, dass ein Heide Christ werden könne auch ohne sich beschneiden zu lassen, ohne sich an das rituelle Gesetz der Juden zu halten, war der Weg gebahnt, einen Unterschied zu machen zwischen den Juden, die an Jesus als ihren Messias glaubten, und denen, die ihn als solchen ablehnten.

 

Auf diesem Hintergrund müssen wir den Konflikt, denn Paulus hier beschreibt, verstehen: es gab Menschen in den Synagogen, die jetzt ihre Chance sahen, nicht nur Paulus, sondern der ganzen jungen Kirche Jesu Christi großen Schaden zuzufügen. Schon im Jahr 49/50 hatte der Kaiser Claudius alle Juden aus Rom verbannt, weil es zu Unruhen in der jüdischen Gemeinde wegen eines gewissen „Chrestos“, bzw. „Christos“ gekommen war. (Die Aussprache der griechischen Buchstabe ETA war damals gleich dem Jota, also ein kurzes „I“. In der Fachsprache nennt man das „Itazismus“. Damals waren Prisca und Aquila aus Rom nach Korinth geflohen und zu Mitarbeitern des Paulus geworden bzw. umgekehrt. Es ist anzunehmen, dass damals schon der Streit in der jüdischen Gemeinde um Jesus Christus ging.

 

Es gab nichts, was der römischen Herrschaft unliebsamer war, als Unruhe im Volk. Mit ihrer Politik „Brot und Spiele“ für das Volk war sie darauf aus, das Volk bei Laune zu halten und zufrieden zu stellen. Die Gegner des Paulus hatten bewusst in der Öffentlichkeit von Jesus Christus gesprochen, um die Gemüter zu erhitzen und den Streit vom Zaun zu brechen. Sie erhofften damit ein Urteil gegen Paulus und gegen die Nachfolger Christi. Zwar ist es ihnen bei dieser Gelegenheit nicht gelungen, die Christen in Verruf zu bringen – Paulus wurde wieder freigelassen – aber kurze Zeit später hat der wahnsinnige Kaiser Nero die Christen als Sündenböcke ausgesucht und die erste offizielle staatliche Christenverfolgung eingeführt. (Zwar ging es ihm vermutlich in erster Linie darum, ein Feindbild aufzubauen, das von ihm selbst ablenkt und den Zorn der Bevölkerung über den in seinem Auftrag gelegten Brand zur Zerstörung ganzer 10 von 14 Wohnbezirke Roms auf andere umzuleiten, aber das hat ihn nicht davon abgehalten zahlreiche Christen in Teer und Federn einzutauchen und sie als Fackel in seinen Parkanlagen anzuzünden).

 

15 Einige zwar predigen Christus aus Neid und Streitsucht, einige aber auch in guter Absicht:

16 diese aus Liebe, denn sie wissen, dass ich zur Verteidigung des Evangeliums hier liege;

17 jene aber verkündigen Christus aus Eigennutz und nicht lauter, denn sie möchten mir Trübsal bereiten in meiner Gefangenschaft.

18 Was tut’s aber? Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darüber.

 

Wenn nur Christus gepredigt wird! Diese Konzentration auf das Wesentliche wünsche ich mir! Alles von daher beurteilen, ob es Christus dient! Paulus hat sich ganz und gar in den Dienst des Evangeliums gestellt. Er hat sich in Gottes Hand gewusst. Er wusste, egal wie sein Prozess ausgeht, sein Leben oder sein Tod – mit beidem würde er seinem Herrn dienen. Darum fährt er fort:

 

Aber ich werde mich auch weiterhin freuen;

19 denn ich weiß, dass mir dies zum Heil ausgehen wird durch euer Gebet und durch den Beistand des Geistes Jesu Christi,

20 wie ich sehnlich warte und hoffe, dass ich in keinem Stück zuschanden werde, sondern dass frei und offen, wie allezeit so auch jetzt, Christus verherrlicht werde an meinem Leibe, es sei durch Leben oder durch Tod.

21 Denn Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn.

 

Was haben wir bloß aus der Leidenschaft für Jesus gemacht? Wo gibt es diese Hingabe noch bei uns? Freilich: diese ultimative Konsequenz wird von uns seltenst abverlangt. Wir haben Religionsfreiheit, werden nicht um unseres Glaubens willen bedrängt, unterdrückt, diskriminiert oder gar verfolgt. Das macht es aber auch so leicht für uns, in Gleichgültigkeit und Lauheit des Glaubens zu verfallen.

 

Ich will nicht über „die Anderen“ reden, deren Einsatz für den Herrn der Kirche zumindest nach außen hin nicht erkennbar ist. Ich möchte über uns reden, über dich und mich. Über die, die die Bequemlichkeit des Bettes oder des Sofas heute Morgen verlassen haben, um eine gute Stunde die Kirchenbank zu drücken. Können wir so mit Paulus sprechen? Erwarten wir und hoffen wir sehnlich, dass wir nicht zu Schanden werden? Ist das unser sehnlicher Wunsch, dass Christus an unserem Leib verherrlicht werde – egal ob durch unsere Lebensweise oder durch unseren Tod für ihn und seine Sache? Für uns – im Unterschied zum Paulus – geht es wohl um die Lebensweise…

 

Für Paulus steht fest, was der Hebräerbrief auch sagt: Leben wir, so leben wir dem Herrn! Sterben wir, so sterben wir dem Herrn! Darum, ob wir nun leben oder sterben, so sind wir des Herrn! Denn darum ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, damit er Herr über Lebende und Tote sei.“ Es geht um diesen Anspruch Jesu Christi auf unser Leib und Leben. Heute schon! Im Alltag! Bei der Arbeit, in den Vorlesungssälen, im Büro oder Klassenzimmer, am Küchentisch oder in der guten Stube. Darum geht es, dass Jesus Christus durch unser Leben verherrlicht wird! Darum geht es im Evangelium! Jesus Christus hat uns von Tod und Teufel los gekauft, dass wir ein ihm geheiligtes Leben in der Freiheit der Gotteskinder lieben. Er hat uns freigekauft, damit er mit seinem Geist von uns Besitz ergreifen kann, in uns wohnen und durch uns leben kann.

 

Vorletzte Woche durfte ich auf einer Missionskonferenz die Bibelarbeiten eines nigerianischen Bischofs hören (Benjamin Kwashi). Er stammt aus Jos, in dem Gebiet Nigerias, wo es besonders heftige Christenverfolgung gibt. In Anlehnung an unserer Stelle hat er persönlich Zeugnis abgelegt. Er erzählte davon, wie bewaffnete Männer zu seinem Haus gekommen waren, um ihn zu töten. Weil er nicht zuhause war, haben sie in Zorn seine Frau krankenhausreif geprügelt. Unter anderem hat sie zwei Beinbrüche erlitten. Denkt er daran, in den sicheren Süden des Landes zu ziehen? Oder gar ins Ausland zu fliehen? Es gebe viele Orte, wo er hin könnte. In dem gegenwärtigen Schisma seiner anglikanischen Kirche schauen Bischöfe und Pfarrer aus aller Welt in seine Richtung um Führung zu bekommen.

 

Nein! Der geht nicht! Er sagte uns: „wenn Sie mich töten, dann können sie mir keinen besseren Dienst erweisen! Dann werde ich vor meinem Herrn stehen! Das wird sicher im ersten Augenblick für mich etwas unangenehm werden, wenn ich an alle meine Versäumnisse, Fehler und Sünden denke, aber dann wird die Annahme und die Vergebung bei meinem Herrn all das vergessen werden lassen und ich werde in seiner Herrlichkeit bleiben!“ Aber er ist auch bereit ein beschwerliches Leben in der Nachfolge unter Verfolgung zu führen. Lasst uns die Zeit auskaufen, die Glaubensfreiheit, die wir haben nutzen, um ein einladendes, glaubwürdiges Zeugnis für unsern Herrn zu sein!

 

Wenn nur Christus gepredigt wird! – Nicht nur von unseren Kanzeln, sondern auch durch unsere Leben!

 

Amen