Archiv der Kategorie: Gemeindeakademie Intensivkurs Islam

VortrĂ€ge Bibel und Koran, zwei BĂŒcher, zwei Botschaften

Hofacker Abendbibelschule:

Bibel und Koran, zwei BĂŒcher, zwei Botschaften

1.) ABS2015LustnauI-Mo

2.) ABS2015LustnauII-Di

3.) ABS2015LustnauIII-Mi

4.) ABS2015LustnauIV-Do

5.) ABS2015LustnauV-Fr

Mission an eine nach-christliche Religion

 

Stichwörter:

 

Der Muslim als gottesfĂŒrchtige Mensch

Der Islam als nachchristliche Religion

Der Islam als antichristliche Religion

ÜberlegenheitsgefĂŒhle

MinderwertigkeitsgefĂŒhle

Das islamische Weltbild

Das christliche Weltbild

Das islamische Menschenbild

Das christliche Menschenbild

 

 

  1. Einleitung

 

Gewöhnlich geht man von MatthĂ€us 28,18-20 als Grundlage der Mission aus. Diese Sicht hat den Missionsgedanken und auch die frĂŒhe Missionswissenschaft sowohl auf katholischer Seite seit der Entstehung der verfassten Kirche als auch bis hin zu den AnfĂ€ngen der modernen Missionsarbeit vom 18. Jahrhundert an bestimmt. Mission wurde begriffen als Mission der Kirche, als Aufgabe der Kirche Jesu Christi, die sich als Christus prolongatus versteht, damit er sich durch seine Kirche in der ganzen Welt ausbreite. “Machet zu JĂŒngern alle Völker, indem ihr sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes tauft und sie alles zu halten lehrt”, galt und gilt als Auftrag der Kirche sowohl zum Selbsterhalt (Missionarische Gemeinde in Deutschland) als auch zur Ausbreitung der Kirche und des Reiches Gottes in der ganzen Welt (klassische Missionsbewegungen).

 

 

Wie diese Mission auszusehen hat, wurde uns (bzw. den Aposteln) von Jesus ebensowenig erklĂ€rt, wie Kirche auszusehen hat. Bis zum Zeitalter der Moderne und dem Aufkommen des Individualismus hat man wenig darĂŒber reflektiert. Die Form des Glaubens/ des kirchlichen Lebens wurde genauso ĂŒbernommen wie dessen Inhalt. Das gilt sowohl fĂŒr die altkirchlichen Traditionen, die auf Synagogen- bzw. Tempeldienst aufgebaut haben, wie in der modernen Mission, wo bestehende, europĂ€ische Strukturen selbstverstĂ€ndlich tradiert wurden. Erst mit der UnabhĂ€ngigkeitsbewegung in den 40er bis 60er Jahren mit dem damit einhergehenden AufblĂŒhen des nationalen und kulturellen Selbstbewusstseins kam auch langsam die Frage nach VertrĂ€glichkeit von Evangelium und Kultur auf.[1]  Dies fĂŒhrte mit der Zeit zur Frage nach der Inkulturation des Evangeliums in die jeweilige Kultur. Gleichzeitig entwickelte sich eine neue Sicht von Mission. Die jĂŒngere Missionswissenschaft, beginnend mit den 50er Jahren, entdeckte den Missionsgedanken auch vor dem Missionsbefehl sowohl im Neuen wie auch im Alten Testament. So etwa Markus 3,14 “und er setzte Zwölf ein, die er auch Apostel nannte, dass sie bei ihm sein sollten und dass er sie aussendete zu predigen”. Aber auch im Alten Testament wird der “Gesandte”-Gedanke im prophetischen Handeln, ja in Gottes Heilsgeschichte ĂŒberhaupt, entdeckt. So wurde ab der 50er Jahre vielfach von der “Missio Dei”[2] gesprochen, nĂ€mlich von der Mission Gottes in dieser Welt, die grĂ¶ĂŸer ist, als die Mission der Kirche Jesu Christi. Dieser Gedanke wiederum öffnete anderen Interpretationen Tor und TĂŒr, bis dahin, dass im Zweiten Vatikanum und verschiedenen neueren Lehramtlichen Aussagen der katholischen Kirche vom “Wirken Gottes in anderen Religionen” gesprochen werden kann. Dass dieser Gedanke sich nicht auf die katholische Kirche beschrĂ€nkt, dĂŒrfte bekannt sein, aber dennoch ist das evangelische Missionsver-stĂ€ndnis schon von der Ekklesiologie anders gelagert. Dies bestimmt auch die unterschiedliche Anwendung des missio dei Konzepts. Ohne inhaltlich hier darauf eingehen zu können, wĂ€re es doch durchaus interessant, eine missionswissenschaftliche Untersuchung der ZusammenhĂ€nge des barth’schen Ansatzes (“Gottes Sein ist im Werden”) sowie der daraus weitergefĂŒhrten These JĂŒngels (“Gottes Sein ist im Kommen”) und der “missio dei”-theologie anzustellen. Ich stelle die These in den Raum, dass es ohne diesen Hintergrund nicht zum Epochenreferat zu Mission und Evangelisation von Eberhard JĂŒngel auf der EKD-Synode 1999[3] gekommen wĂ€re.

 

Haben wir auf der einen Seite im Bereich der katholischen Missiologie die Vorstellung von der Mission der Kirche im öffentlichen wie im “geheimnisvollen” Bereich, so haben wir auf protestantischer Seite so gut wie durch die Bank eine auf pietistische Anliegen und Vorstellung zurĂŒck gehende Missiologie. Das liegt – wie schon angedeutet – an der unterschiedlichen Ekklesiologie der römisch-katholischen Kirche und der protestantischen Kirchen. Ist die katholische Kirche eine Kirche, die per definitionem kat ‘hole, eine Kirche, die Anspruch auf UniversalitĂ€t und eine Stellung der Vormacht erhebt, so haben wir auf der protestantischen Seite ein eher partikulĂ€res ekklesiologisches VerstĂ€ndnis der Kirche, die sich nach politischen oder theologischen Grenzen definiert.

 

Eine gewisse Ausnahme bildet die anglikanische Kirche, die sich als rechtmĂ€ĂŸige Nachfolgerin der römisch-katholische Kirche versteht im Bereich des Vereinigten Königreichs und seiner Dependenzen. Darum gibt es innerhalb der anglikanischen Missionsarbeit zwei FlĂŒgel. Der eine FlĂŒgel, vertreten etwa durch die “USPG” (United Society for the Propagation of the Gospel), auf der anderen Seite die “CMS” (Church Mission Society). Die USPG vertritt eher das Anliegen der katholisch gesinnten Anglikaner, die CMS eher das pietistisch-evangelikale Anliegen der Low Church. Da in der Zeit des Kolonialismus weite Teile Afrikas und Asiens unter britischer Herrschaft waren, spielt dieser Unterschied missionstheologisch und missionsgeschichtlich eine bedeutende Rolle.

 

 

Um zurĂŒckzukommen auf die ekklesiologischen Unterschiede, lassen Sie mich diese Thematik auf die Situation der Mission in der islamischen Welt ĂŒbertragen: WĂ€hrend es von katholischer Seite her das Hauptanliegen ist, die PrĂ€senz der römisch-katholischen Kirche zu wahren (als Beispiel sei genannt das Erzbistum Algier, das unter der Kolonialmacht Frankreich in der zweiten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts wieder mit einem Erzbischof versehen wurde und bis heute Erzbischof und Diözesanbischöfe hat, obwohl die Zahl der katholischen Christen im ganzen Erzbistum weniger als 3000 sind). Nebenbei bemerkt: Der Erzbischof von Algier, Henry Teissier, ist mit einem Kommentar Ende Februar 2008 negativ aufgefallen, indem er  evangelikal ausgerichtete Christen dafĂŒr kritisierte, dass sie ihren christlichen Glauben unter Muslimen bezeugen. Dies wĂŒrde fĂŒr die katholische Kirche erhebliche Schwierigkeiten mit den Behörden verursachen, obwohl sie immer wieder beteuerten, dass es ihnen (den Katholiken) nicht um die Konvertierung von Muslimen bei ihrer Arbeit gehe. Hier will die römisch-katholische Kirche alte AnsprĂŒche auf nordafrikanisches Territorium aufrechterhalten, indem die Kirche offiziell als Institution dort weiter existiert.

 

Auf der anderen Seite haben wir junge, dynamische, wachsende Gemeinden (hauptsĂ€chlich von Berbern), die nicht nur ihre alten Wurzeln im christlichen Glauben wiederentdecken, sondern zu einem neuen Glauben an Jesus Christus finden. Hier geht es nicht um die Aufrechterhaltung irgendwelcher AnsprĂŒche, schon gar nicht um Macht oder VormachtsansprĂŒche. Hier geht es darum, dass Menschen zu einer lebendigen Beziehung zu Jesus Christus und zum Vater Jesu Christi kommen. Erst sekundĂ€r kommt die Frage der Gemeindebildung und der Ekklesiologie auf.

 

Das bringt uns zum grundsÀtzlichen Problem der Mission unter Muslimen.

 

  1. II) der Islam – eine NACH-christliche Religion

 

Zwar ist die Mission innerhalb der EinflusssphĂ€re von allen sogenannten Hochreligionen ein mĂŒhsames und hoch sensibles Unterfangen, insbesondere auch der Inkulturation in diese Bereiche, aber weder im Bereich des Buddhismus, noch des Hinduismus noch des japanischen synkretistischen Systems ist die grundsĂ€tzliche Verschlossenheit dem Evangelium gegenĂŒber von so tiefgrĂŒndigem und anhaltendem Charakter wie es in der islamischen Welt der Fall ist.

 

 

Das hat leicht eruierbare GrĂŒnde. Auf die Geschichte des Islam und der christlichen Mission unter Muslimen will ich dabei nur insoweit eingehen, wie es fĂŒr das VerstĂ€ndnis der besonderen Situation der Kirchen und der Mission in islamischen LĂ€ndern notwendig ist.

 

 

1) Der Islam versteht sich als Vollendung und Korrektur der biblischen Offenbarung.

 

Der Islam ist nicht nur chronologisch gesehen eine nach-christliche Religion, sondern auch inhaltlich. Ich lasse einmal dahingestellt, ob die allerneueste historisch-kritische Islamforschung mit ihrer Hypothese, Muhammad als historische Gestalt erst eine Generation nach der ersten Ausbreitungswelle des Islam als Christusersatz erfunden wurde, oder ob die traditionelle Islamforschung in Anlehnung an Sunna und ÄhĂ€dith (as‑Siratu ‚l‑Nabawiyya)  recht hat mit der Überlieferung, dass eine historisch fassbarer Mensch, geboren nach dem Tod seines Vaters Abdullah  im “Jahr des Elefanten” 52 vor der Hidschra.[4]

 

Nach der islamischen Tradition wurde Mohammed  in der arabischen Stadt Mekka als verarmtes Familienmitglied der Haschemiten aus dem bedeutenden vorherrschenden Stamm der Quraisch geboren.  Im Alter von sechs Jahren verlor er dann auch noch seine Mutter Amina, weswegen er zunĂ€chst von seinem Großvater Abd al‑Muttalib erzugen wurde. Nach dessen Tod kam er unter den Schutz seines Onkels Abu Talib, des jĂŒngeren Bruders seines Vaters. Dessen Sohn (d.h. Mohammeds Vetter) Ali ibn Abi Talib heiratete spĂ€ter Mohammeds Tochter Fatima und wurde 4. Kalif/ 1.Imam der Schiiten).

 

 

In jungen Jahren arbeitete Mohammed als Schafhirte, spĂ€ter nahm er angeblich an zwei Reisen der Handelskarawanen in den Norden (Syrien) teil. Wie es eine Prophetenlegende aus dem 8. Jahrhundert haben will, soll er in diesem Zusammenhang dem Mönch Bahira begegnet sein, der “das Siegel des Prophetentums” zwischen Mohammeds Schultern gesehen und darin die Schriftzeichen des alten und neuen Testaments. UnabhĂ€ngig davon, ob diese Legende einen historischen Kern hat oder nicht, der Anspruch ist deutlich: Mohammed als Prophet des alleinigen Gottes hat die Legitimation des alten wie des neuen Bundes: in ihm kommt deren beide ErfĂŒllung. Seine Botschaft gilt ebenso Juden wie Christen.

 

Gegen 595 bot ihm seine damalige Arbeitgeberin, die 15 Jahre Ă€ltere zweifache Kaufmannswitwe Chadidscha bint Chuwailid (555?–619) aus einem angesehenen kureischitischen Geschlecht die Heirat an. Mit ihrer Hilfe erlangte Mohammed seine finanzielle UnabhĂ€ngigkeit und soziale Sicherheit. Es erfolgte eine Wende in seinem Leben. Seine Frau war die erste Person, die an Mohammeds Botschaft glaubte und gilt deshalb als die erste Muslima. Aus ihrer Ehe gingen vier Töchter hervor, wovon allein die jĂŒngste, Fatima das Erwachsenenalter erreichte. Von ihr stammen alle Nachfahren Mohammeds ab. Neben Chadidscha waren Ali ibn Abi Talib und Abu Bakr, der erste Kalif nach Mohammeds Tod, die ersten Muslime.

 

Mohammed pflegte alljĂ€hrlich einen Monat auf dem Berg Hira‘ in der NĂ€he von Mekka zu verbringen, um dort Buße zu tun. Zirka 610 n.Chr. – Mohammed war zu diesem Zeitpunkt etwa 40 Jahre alt – soll ihm der Erzengel Gabriel (arabisch „Dschibril“) erschienen sein. Das erste Offenbarungserlebnis, in Sure 93 des Koran wiedergegeben, stellt die AnfĂ€nge der Offenbarungen und damit den Anfang von Mohammeds Prophetie dar. Es war ein Traum, in dem Mohammed zur Rezitation eines geschriebenen – nach anderer Überlieferung vom Engel gesprochenen – Textes aufgefordert wurde. Von diesem Vorgang her leitet sich der Begriff “Koran” (Rezitation) ab. Die islamische Mohammedtradition sieht es bisweilen als “großes Wunder”, dass Mohammed, der Analphabet gewesen sein soll – was von anderen aber heftig bestritten wird – ein solches literarische Werk hĂ€tte nur mĂŒndlich zu Wege bringen können (nach schiitischer Tradition war es Ali, der alles nach Diktat des Propheten alle Suren aufschrieb.)

 

 

ZunĂ€chst wĂ€hrend seiner Fastenzeiten, spĂ€ter auch in mehr prosaischen ZusammenhĂ€ngen, wurden StĂŒck fĂŒr StĂŒck die Ayyat und Suren des Korans durch Dschibril Mohammed zur “Rezitationâ€ĂŒbermittelt. Das ist insofern wichtig, weil nach islamischer Vorstellung der Koran im Himmel höchst persönlich von Allah in arabischer Sprache in Ewigkeit niedergeschrieben wurde, in der “Nacht der Macht” (laylat-al-qudrat) der Engelwelt ĂŒberlassen, die Dschibril wiederum damit beauftragt hat, den Inhalt durch Mohammed den Menschen zu ĂŒbermitteln.

 

Schon im Koran gibt es sowohl die Vereinnahmung biblischer Inhalte fĂŒr den Islam[5] sowie inhaltliche “Korrektur”: Tod und Auferstehung Jesu seien nicht geschehen, und es werden  Elemente aus gnostischen Quellen/Evangelien, z.B. aus dem Thomasevangelium, hinzugefĂŒgt, so z.B. Kindheitswunder Jesu. SpĂ€ter kommen in der islamischen Polemik “Formfehler” hinzu: am bedeutendsten durch einen gewollten “Ittazismus” (wie im Falle Kamilon-Kamelon), wodurch FĂ€lscher des neutestamentlichen Textes aus “paraklitos”, “der Gehuldigte” oder “Gepriesene” – also muhammad – “parakletos”, “der Beistand” wurde. Nach islamischem VerstĂ€ndnis wurde nie der heilige Geist von Jesus als Tröster oder Beistand versprochen, sondern eben Mohammed. Das mittelalterliche Pseudoepigraph, das “Barnabasevangelium” wird gern als Beleg zitiert.

 

Ich halte fest: der Islam tritt mit einem erklĂ€rten Anspruch auf den Plan, nĂ€mlich die abschließende Stufe der (biblischen!) Offenbarung zu sein. Damit ist die biblische Offenbarung de facto ĂŒberholt und nur vom Koran her zu deuten oder interpretieren.

 

 

Dieser Anspruch wird bestĂ€tigt und erhĂ€rtet von der islamischen Gottesgelehrsamkeit der folgenden Jahrhunderte bis heute. Besonders beschwerlich fĂŒr die Missionsarbeit, fĂŒr das christliche Zeugnis ist, dass Muslime eine starke Hybris anderen “Offenbarungsstufen” gegenĂŒber. Es gibt ĂŒberall in der islamischen Welt eine geradezu schizophrene Einstellung zum Christentum und Judentum. In der Theorie sei der Islam ĂŒberlegen, besser, vollkommen, aber in der Praxis wĂŒrden die Juden die Welt kontrollieren und die Christen/KreuzzĂŒgler – das sind die LĂ€nder des Westens, allen anderen voran die Amerikaner mit ihrer industriellen und technologischen Vormacht eine permanente DemĂŒtigung fĂŒr die Welt des Islam. Der Hass auf den “christlichen Westen” hat also unterschiedliche GrĂŒnde. Ob es ohne Kolonialgeschichte zu einem wiedererwachen islamistischer Tendenzen gekommen wĂ€re, wage ich zu bezweifeln. Die junge, gebildete Schicht der Muslime ist besonders anfĂ€llig fĂŒr extremistisches Gedankengut. Eine tiefe KrĂ€nkung, die als DemĂŒtigung durch den Westen empfunden wird, schĂŒrt den Hass. Aber auch einfache Menschen in islamischen LĂ€ndern sind von dieser schizophrenen Haltung betroffen: Ich denke an die MĂ€nner im pakistanischen Basar, die die EnglĂ€nder beschuldigen, sie “AbhĂ€ngig vom Teetrinken” gemacht zu haben – damit sie sie so finanziell “aussaugen” konnten…

Muslime sind, was Evangelium und christlicher Glaube betrifft, durchaus voreingenommen und halten den Islam fĂŒr die ĂŒberlegene Religion und den vollkommeneren Lebensentwurf. Dazu sind sie grĂŒndlich desinformiert – z.B. was die TrinitĂ€t betrifft.[6]

 

  1. Der Islam hat seit seiner GrĂŒndung in der Hidschra das Christentum bekĂ€mpft.

 

Mohammed hat ursprĂŒnglich an die Einverleibung der Juden und Christen in den Islam geglaubt. Erst nach der Hidschra und den kriegerischen Auseinandersetzungen mit den jĂŒdischen StĂ€mmen in und um Medina Ă€ndert sich der anfangs wohlwollende Ton ihnen gegenĂŒber. Das Ziel der Vereinigung wurde im Laufe der Koran-“offenbarung” auf die Wiederkunft Christi als Messias der Muslime (!) Verschoben.

Das Gebrochene VerhĂ€ltnis zum Judentum und Christentum hat historische Wurzel – hĂ€lt aber heute noch an. Dass die Armeen der Muslime weite christliche Gebiete haben erobern können ist die eine Seite. Dass sie an christlichen Heeren in Europa aber auch wiederholt gescheitert sind ist die andere. Seit Hunderten von Jahren stecken die Heere der Muslime Niederlagen gegen die der Christen ein. Der grĂ¶ĂŸte Held der MilitĂ€rgeschichte ist heute noch Saladin.[7]

 

Wir MitteleuropĂ€er haben im Vergleich zu den SĂŒdeuropĂ€ern und Orientalen kaum einen Bezug zur Geschichte. Wir leben im Hier-und-Jetzt. Junge Iraner – oder meinetwegen Makedonier – identifizieren sich mit und definieren sich heute noch von Dareios und Alexander dem Großen her.

 

FĂŒr Muslime ist es heute noch ein Grund zum Hass gegen die Juden allgemein, dass zwei jĂŒdische StĂ€mme im Krieg um Medina die Lager gewechselt haben. Auch die Christen, die Mohammeds Abkehr vom Heidentum ursprĂŒnglich begrĂŒĂŸten, haben sich spĂ€ter von ihm distanziert, als klar wurde, was er mit seiner Religion eigentlich wollte.

 

WĂ€hrend der ersten mekkanischen Phase vor der GrĂŒndung der islamischen Gesellschaft in Medina sind zwei Ereignisse von besonderer Bedeutung: die nĂ€chtliche Himmelfahrt des Propheten (al‑mi‘radsch)  und die “Reise nach Jerusalem” (al‑isra‘).  WĂ€hrend erstere den Stand Mohammeds Jesus gegenĂŒber bestĂ€tigen soll, lĂ€sst zweites unmissverstĂ€ndlich erkennen, was die Rangordnung unter den Propheten ist! Das gilt unabhĂ€ngig davon, dass die kritische Islamwissenschaft beide Ereignisse als ein und dasselbe ansehen – der Fußabdruck auf dem Stein inmitten des Felsendoms sei der Ort, von dem Mohammed in den Himmel gefahren sei, die Himmelfahrt des Propheten gehöre ursprĂŒnglich nicht zu den Mekkanischen Traditionen.

 

Vom noch geschleiften Jerusalemer Tempelberg, auf dem spĂ€ter der Felsendom im Auftrag von christlichen Bauleuten errichtet wurde, soll wie gesagt, Mohammed in den Himmel aufgefahren sein. Nun aber der Clou: zuvor habe er dort ein Gebet nach islamischem Muster mit allen biblischen Propheten einschließlich Jesus geleitet. Nach kurzer Begegnung mit Gott soll sich Mohammed anschließend zusammen mit dem Erzengel Gabriel zurĂŒck nach Mekka begeben haben.

 

 

Die Zeit reicht nicht, hier auf die satanischen Verse einzugehen, die in diese Phase gehören. Es genĂŒge der Hinweis, dass die heftigen Reaktionen der islamischen Welt zu diesem Thema nicht unbegrĂŒndet sind! Es ist wohl der wundeste Punkt in der islamischen Tradition, der die Offenbarung auch grundsĂ€tzlich in Frage stellt. Aus christlicher Sicht ist natĂŒrlich die Frage, inwiefern Mohammed tatsĂ€chlich vom Teufel dĂŒpiert wurde!

 

Mit der Hidschra, dem Verlassen Mekkas und dem Sesshaft werden in der west-arabischen Stadt Yathrib kommt die Geburtstunde des Islam. Das ist von Großer Bedeutung, denn den Glauben an Allah als alleinigen Gott und Mohammed als seinen Propheten gab es zu diesem Zeitpunkt schon zirka ein Duzend Jahre. Aber erst hier in Yathrib gewann der Islam auch politische Macht und wurde zu einer gesellschaftlichen GrĂ¶ĂŸe. Das ist das Entscheidende an der Hidschra.

 

 

Mit der Übernahme des Islam als Normgebend fĂŒr das gesellschaftliche Zusammenleben geschieht die Geburtstunde des Islam – nicht der Glaube ist entscheidend, sondern dass dieser politisch-gesellschaftliche Gestalt gewinnt!  Yathrib heißt nunmehr fĂŒr die Muslime “Medinat-an Nabi” – “Ort, bzw. Stadt des Propheten”.  Die Stadt hat zum Zeitpunkt der Ankunft Mohammeds auch Bewohner, die schon vor der Hidschra Muslime geworden waren. Die medinensischen AnhĂ€nger nannte man die „Helfer“/„UnterstĂŒtzer“ (al‑Ansar). Hinzu kamen die mekkanischen AnhĂ€nger Mohammeds, die „Auswanderer“ (Muhadschirun), die ihm gefolgt waren.

 

 

Dies ist der alles entscheidende Punkt in der Entstehung des Islam. Darum beginnt der islamische Kalender mit der Hidschra. Selbst die Suren des Koran werden in “mekkanische” und “medinensische” unterteilt. Mekkanische Suren unterscheiden sich von medinensischen Suren vor allem durch ihren Umfang (alle langen Suren stammen aus Medina) sowie durch ihren Inhalt bzw. ihre QualitĂ€t und ihren Ton.  Waren die mekkanischen Suren eher mit Glaubensinhalten beschĂ€ftigt, und waren sie durchweg positiv gestimmt den Juden und Christen gegenĂŒber, so sind die in Medina “rezitierten” Suren mehr praktischer Art und auf die verĂ€nderte politische Situation ausgerichtet.

 

Fazit: Wir haben gesehen, dass die hervorgehobene Stellung Jesu als Prophet im Islam keine BrĂŒcke zu den Muslimen baut, sondern uns tiefgrĂŒndig trennt. Einen Muslim fĂŒr Jesus gewinnen heißt im tiefsten Grunde einen Gegner Jesu fĂŒr ihn gewinnen!

 

 

3.) Die IdentitÀt des Muslim ist nicht nur religiös, sondern politisch-gesellschaftlich und sogar geographisch geprÀgt.

 

Der Islam als antichristliche Religion

ÜberlegenheitsgefĂŒhle

MinderwertigkeitsgefĂŒhle

Das islamische Weltbild

Das christliche Weltbild

Das islamische Menschenbild

Das christliche Menschenbild

 

Der Islam betrachtet Religion und Staat als Ganzes (din wa daula), darum schließt die Schari’a alle Lebensbereiche ein.

 

  1. A) Dar-al Islam/Dar al Harb

 

Der Islam ist eben nicht von Hause aus „nur“ Religion, sondern ein sozio‑politischer Entwurf, der zur GrĂŒndung einer Staatsmacht und einer Weltordnung im 7. und 8. Jh.. gefĂŒhrt hat. Das gilt in den Köpfen und Herzen der praktizierenden Muslime bis heute.  Sehen wir vom Beispiel TĂŒrkische Republik ab, die ein bewusst laizistischer und eben nicht islamischer Entwurf Mustafa Kemal AtatĂŒrks war, gibt es keine weiteren sozio‑politischen EntwĂŒrfe, die z.B. eine Trennung von „Kirche“ und Staat vorsehen. Ob Emir, Sheikh, Sultan, Khalif, Schah, Gouverneur, PrĂ€sident – die politische Macht in islamisch geprĂ€gten LĂ€ndern sieht sich nicht nur als defensor fidei – wie die Königin von England – sondern dafĂŒr verantwortlich, dass der Islam die gesellschaftlichen Strukturen definiert.  Dabei darf nicht ĂŒbersehen werden, dass gerade in der TĂŒrkei die Kleriker, Hodschas etc. vom Staat angestellt sind und die Moscheen  vom Staat verwaltet werden, damit der Staat auch die Kontrolle hat.

 

Wie denkt ein Muslim ĂŒber seine Religion? Im Islam gibt es eine große gelebte Vielfalt, was die Frömmigkeit betrifft. Es gibt auch konfessionsĂ€hnliche Unterschiede unter Muslime: Sunni, Schia, Ahmadiyya, Ismaili und andere mehr. Innerhalb der „Konfessionen“ bzw. „Sekten“ gibt es z.B. die “12er”, “7er” und “5er” Schiiten. Innerhalb der Sunniten „Lehrschulen“ (madhahib), die das Islamische Recht durch ihre judisprudentia (al-fiqh) z.T. unterschiedlich interpretieren,  von denen die wichtigsten die Hanfi, Maliki, Schafi’i, und Hanbali, in neuer Zeit auch Wahabi sind. Seit 1959 wird auch die Schiitische Rechtsschule der Dschaffari anerkannt.

 

Ganz entscheidend fĂŒr die organisatorische Struktur des weltweiten und örtlichen Islam ist,

 

dass es keine institutionelle Bindung gibt. Das bietet gewisse Chancen, aber auch Komplikationen fĂŒr die Mission. Die örtlichen Moscheen als „Gemeinden“ sind nicht Mitglieder in irgendwelchen VerbĂ€nden, die mit Kirchengemeinschaften zu vergleichen wĂ€ren. Oftmals sind die Moscheen Privatbesitz eines Individuums oder einer Familie. Es gibt keine allgemein anerkannte Lehrinstanz. Der höchste Gelehrte der Al‑Azhar‑UniversitĂ€t genießt zwar den Respekt der Sunniten, kann aber keine rechtsverbindliche „Fatwas“ aussprechen. Solche „RechstsprĂŒche“ oder „Lehrmeinungen“ werden von den GlĂ€ubigen beachtet oder auch nicht. Letzten Endes kommt alles auf die Staatsmacht an, denn das islamische Weltbild ist (bisher) unzertrennlich mit dem politischen GefĂŒge verquickt, deutlich etwa am Wahhabitismus Saudi-Arabiens zu sehen. Die einzige allgemein anerkannte AutoritĂ€t ist die des politischen Herrschers und sein Diktat. Es gibt sehr wohl Muslime, denen die Politik und die Religion vollkommen egal ist ‑ sie wollen ihr Leben leben wie jeder andere auch, aber was haben diese entgegenzusetzen, wenn Fundamentalisten oder gar Extremisten ihren Anspruch stellen, den „reinen Islam“ nach mittelalterlichem Herrschaftsmuster einzufĂŒhren? Wir sehen das hier in Deutschland an den salafitischen Moscheen, dem “Kalif von Köln” (der endlich ausgewiesen werden konnte), der Milli GörĂŒs und anderen mehr.

 

  1. B) Das Islamische Weltbild

Das islamische Weltbild teilt die Erde geopolitisch in zwei SphĂ€ren ein: „Dar‑al‑Islam“ (Haus des Islam/ Haus der Unterwerfung/ auch “Haus des Friedens”[8] propagiert) und „Dar‑al‑Harb“ (Haus des Schwertes/Haus des Krieges). Haus des Islam ist jedes Gebiet, ĂŒber das ein islamischer Herrscher herrscht, bzw. in dem es eine islamische Mehrheit gibt, die in der Lage ist, das islamische Recht fĂŒr sich einzufordern ist. Die ĂŒbrige Welt stellt das “Haus des Krieges” dar. In diesem Teil der Welt gilt es den Islam einzufĂŒhren und das Haus des Islam zu etablieren. Manche moderne Denker im Islam haben so etwas wie ein „Haus des Vertrages“ vorgeschlagen, dies ist jedoch nicht realisiert worden und auch nicht im offiziellen Islam als Option anerkannt. Es ist auch mĂŒĂŸig als Modell zu verfolgen, da nach den geltenden Rechtsgrundlagen des Islam “VertrĂ€ge” mit “UnglĂ€ubigen” spĂ€testens nach 10 Jahren ĂŒberprĂŒft und nach Möglichkeit aufgekĂŒndigt werden mĂŒssen.

 

Im Haus des Islam herrscht der Islam. Das ist der Grund, warum ĂŒberall in der islamischen Welt wo es islamische Herrscher oder Mehrheiten in der Bevölkerung gibt, nach EinfĂŒhrung der Scharia lautstark von fundamentalistischer Seite gerufen wird – und das mit zunehmendem Erfolg. Von Nordnigeria im Westen ĂŒber Saudi Arabien, den Iran, Afghanistan und sogar Nordwestpakistan bis hin zu Aceh und Brunei.im Osten ist das verwirklicht worden.

 

Im Haus des Islam haben Muslime einen besonderen Status und sind durch das islamische Recht geschĂŒtzt. Juden und Christen werden als „Volk des Buches“ toleriert, aber in einem untergeordneten Status als „Dhimmi“, das heißt so viel wie SchĂŒtzlinge / AbhĂ€ngige / Pfronpflichtige“ Ă€hnlich dem Feudalsystem.

 

Der Herrscher bzw. der Staat bestimmt seine GesprĂ€chspartner aus der Mitte der „Dhimmi“ und regelt deren Angelegenheiten mit diesen direkt. Sie haben keine eigene Vertretungsmöglichkeit. Der islamische Staat kann Schutz gewĂ€hren oder  Entziehen. Die „Dhimmis“ sind bestenfalls „BĂŒrger zweiter Klasse“. Angehörige anderer Religionen (Kafirun) können gezwungen werden, zum Islam ĂŒber zu treten.

 

Inzwischen ist es ebenfalls so, dass heute an der Ausdehnungsgrenze des Islam, wo er VorstĂ¶ĂŸe geographischer und politischer Art macht, um weitere Gebiete fĂŒr den Islam zu gewinnen, die hĂ€rtesten Auseinandersetzungen und die geringste Offenheit fĂŒr die Mission herrscht. Von Nigeria im Westen bis Indonesien im Osten, vom Kosovo im Norden bis Kenia im SĂŒden, ĂŒberall an den Grenzen der mehrheitlich islamischen Gebiete gibt es Konflikte.

 

Das sind die bedauerlichen Vorzeichen, unter denen Mission in islamischen LĂ€ndern getan werden muss.  Dies wird jedem Missionar, der unter Muslimen arbeitet  – vor allem in der nicht islamischen Welt – vorsichtig werden und “Bekehrungen” mehrfach und sorgfĂ€ltig ĂŒberprĂŒfen lassen, es wird aber auch die Frage der Inkulturation in einem mehr als zwielichtigen Licht erscheinen lassen…

 

Hinzu kommt ein grundlegender Unterschied in der Denkweise. Ich möchte das “vor-modernes” oder mittelalterliches Denken nennen.

 

  1. C) Mittelalterliches Denken

 

Weder Reformation noch AufklĂ€rung haben in der islamischen Welt Schule gemacht – mit Ausnahme von Teilen der Bildungselite, die in Oxford, Cambridge, Harvard, MIT, Stanford usw. studiert haben. Das bedeutet, dass auch die positiven Auswirkungen des Individualismus in Entscheidungsfreiheit, Selbstbewusstsein, Zivicourage und Verantwortung des Einzelnen sich und nicht nur der Gemeinschaft gegenĂŒber – das alles nicht in dem Maße ausgeprĂ€gt ist, wie in LĂ€ndern des Okzidents .

 

 

Weite Teile der islamischen Welt sind noch verhaftet im Stammesdenken[9]. Der Stamm (qabila) stellt den Lebensrahmen fĂŒr den Muslim dar. Auch innerislamische Konflikte wie derzeit im Irak verlaufen nicht nur an “denominationellen” Grenzen entlang, sondern vor allem an Stammesgrenzen. Wir tun uns unheimlich schwer, uns in solch eine Situation hineinzudenken. Wir leben in der modernen westlichen Welt weitestgehend individuell autark. Nicht einmal die Kernfamilie ist mehr ein unerlĂ€sslicher Lebenrahmen fĂŒr die meisten BĂŒrgerinnen und BĂŒrger. So können wir es kaum verstehen, wie das Gelingen eines Lebens in der islamischen Welt davon abhĂ€ngen kann, dass Zusammenhalt und Treue innerhalb eines Stammes fĂŒr einen Menschen fĂŒr den Erhalt seiner LebensgefĂŒge entscheidend sein kann. Das macht die Konversion eines Moslem zum Christentum Ă€ußerst schwierig. Es ist heute gemeinhin bekannt, dass die Familie im islamischen Recht eine besondere Rolle bei der AusĂŒbung der Scharia hat, insbesondere der Hadud-Vorschriften, auch die Allgemeinheit ist dafĂŒr sensibilisiert, dass die Kernfamilie eines Konvertiten analog zu dem Verhalten der Familie in den so genannten Ehrenmord-FĂ€llen bei Abweichung von der allgemein akzeptierten ethischen Norm die Verpflichtung hat, die Strafe fĂŒr Apostasie, den Abfall vom islamischen Glauben, zu vollstrecken.

 

Selbst wo es einem Moslem gelingt, seine Familie davon zu ĂŒberzeugen, ihn in seinem neuen Glauben gewĂ€hren zu lassen, oder wo es einem Konvertiten gelingt, aus dem FamiliengefĂŒge auszusteigen und eine neue Existenz aufzubauen, selbst dort wird es kolossal schwer fĂŒr einen Moslem, neue Beziehungen aufzubauen und ein LebensgefĂŒge, das funktioniert, zu schaffen.

 

 

Es wird in Kreisen von Missionaren, die in der islamischen Welt leben, manchmal bemĂ€ngelt, dass Konvertiten diese LebensgefĂŒge bei ihnen suchen. Manchen kommt es so vor, als wĂŒrde der Konvertit den Anspruch stellen: “ich habe mich dir angeschlossen im Glauben, du bist mein Bruder, meine Schwester, meine Familie, du musst auch fĂŒr mich sorgen!” Missionare, die lĂ€nger im islamischen Kontext gelebt haben, und fĂŒr die gesellschaftlichen GefĂŒge sensibilisiert worden sind, wissen, dass – sofern es keine aus Konvertiten bestehende Gemeinde gibt, der Konvertit im Grunde gar keine andere Wahl hat. Dies ist auch der Grund, warum letzendlich der ĂŒberwiegende Teil der Konvertiten aus dem Islam ihre HeimatlĂ€nder verlassen und ein neues Leben in einem westlichen Land beginnen mĂŒssen. Oftmals hĂ€ngt die Auswanderung mit direkter Gefahr fĂŒr Leib und Leben zusammen. Selbst wo diese Gefahr nicht besteht, gibt es nur wenige Menschen, die die innere Kraft und die nötige Fantasie haben, ein Leben in solcher extremen gesellschaftlichen Vereinsamung aufzubauen.

 

Ein zentralasiatisches Sprichwort sagt: “Niemandes Tod ist vollzogen, solang der Stamm besteht”[10]. Die Lage in der Islamischen Welt ist Ă€hnlich der Situation im Bereich der östlichen Orthodoxie[11]: es fand weder Reformation noch AufklĂ€rung statt. Die autoritative Form des Islam ist mittelalterlich geblieben ‑ kann es zu einer grundlegenden Versöhnung zwischen dem Islam und der Moderne kommen? Es gab hoch‑Zeiten im Islam, die Sassaniden, Seldschuken, Mauren, Ghaznaviden, Moghulen, Ottomanen um nur einige der Großreiche zu nennen. Allerdings sind das zum Teil von Außen hereingetragene Elemente! Es gab auch einen „liberalen“ ‑ d.h. im Grunde inkonsequenten Islam in der Zeit der islamischen Übermacht im Osten[12]. Aus der Position der StĂ€rke heraus gab es auch Milde, teils „Großmut“ Christen und Juden gegenĂŒber. Wenn die Dominanz des Islam deutlich ist, dann kann er sich (muss aber nicht) auch von einer menschen‑ kunst‑ und wissenschaftsfreundlichen Seite zeigen. Wo er aber nicht dominiert, wird der Grund fĂŒr diese „Misere“ in der eigenen Inkonsequenz gesucht und gefunden (s. die Äußerungen des MinisterprĂ€sidenten Malaysias Mahathir Mohamad vor der Organisation islamischer Staaten im Okt.2003).

 

 

Der Fundamentalismus bricht in der Begegnung mit der Moderne auf ‑ auch und gerade mit dem Kolonialismus. Es ist das Bestreben, die Uhr zurĂŒckdrehen zu wollen[13].

Es gehört zur Ironie der Situation, dass gerade im Bereich des radikalisierten Islamismus die alten, mittelalterlichen Denkweisen und Strukturen ĂŒberwunden werden. Der originĂ€re islamische Gedanke der Umma, in der die StĂ€mme vereint und zu einer starken Nation gemacht werden, ist zu neuem Leben erweckt. Wo der islamische Einheits- und Expansionsgedanke die Fantasien der Islamisten beflĂŒgeln, werden die engen Grenzen des Stammesdenkens ĂŒberwunden. Gerade der Gedanke an einen pan-islamischen Dschihad hat eine ungeheuer stark vereinende Wirkung innerhalb der islamischen Welt. So zum Beispiel bei der Entstehung des Wahabismus und der damit einhergehenden Entstehung des saudiarabischen Königreiches.

 

 

FĂŒr die meisten LĂ€nder der islamischen Welt gilt, dass auch Christen die gesellschaftlichen Strukturen der Muslim ĂŒbernehmen oder nachempfinden mĂŒssen, um ein sinnvolles Leben in dieser Gesellschaft zu ermöglichen. So ziehen sich die Grenzen zwischen Christen und Muslimen in mehrheitlich muslimischen LĂ€ndern oftmals an ethnischen Grenzen entlang. Es gibt auch christliche “StĂ€mme”. Das ist auch der Grund dafĂŒr, dass ganze StĂ€mme auf einmal zum christlichen Glauben ĂŒbergetreten sind. So auch in Nordindien im ĂŒberwiegend von Muslimen dominierten Teil des Subkontinents im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts. Nur wo ein Stamm geschlossen, oder zumindest zu einem großen Teil gleichzeitig den Religionswechsel vollzogen hat, konnte das Leben in einigermaßen geregelten Bahnen vorwĂ€rts gehen.

 

 

  1. Die IdentitĂ€t der Muslime hat “national-völkischen” Charakter

 

 

Es ist schon der Rede von der Umma gewesen. Der Begriff Umma bedeutet: Das islamische Volk in seiner Gesamtheit, und ist nicht nur etymologisch mit dem hebrĂ€ischen Begriff  “ha‑am” verbunden.  Wo im Judentum ha-am das auserwĂ€hlte Volk Gottes in aller Regel bezeichnet, im gewissen Sinne also wenn man will ein Heilsbegriff ist, so ist im Islam der Begriff Umma die Bezeichnung fĂŒr die Gesamtheit der Menschen, die sich im Islam Allah unterworfen haben. Je nach Gebrauch bedeutet es die Summe aller Muslime oder die Summe aller islamisch regierten LĂ€nder und Gebiete.

 

Wir sahen bereits, dass die IdentitĂ€t eines Muslims von seiner Zugehörigkeit zu einem Stamm abhĂ€ngig sein kann. Dabei darf nicht ĂŒbersehen werden, dass die StĂ€mme wiederum sich ĂŒber den Islam definieren und mit dem Islam identifizieren. Ob Fulani oder Tuareg in der Sahara, ob Kureish oder Banu-Aus in Saudi Arabien, ob Oraksai oder Afridi bei den Paschtunen, die StĂ€mme sind per definitionem muslimisch. Den Islam zu leugnen bedeutet den Stamm zu leugnen. Eine Abkehr vom Islam kommt einer Abkehr vom Stamm gleich. Das gilt auch fĂŒr die islamischen LĂ€nder, in denen wegen der vor-islamischen gesellschaftlichen Struktur, in Ägypten etwa, oder durch eine nationale Bewegung, wie zum Beispiel in der TĂŒrkei, das Stammesdenken durch ein nationales bzw. nationalistisches Denken ersetzt wurde. So kommt es dazu, dass ein Staat sich durch die Konversion auch nur weniger seiner BĂŒrger bedroht fĂŒhlen kann. Weil der Staat bzw. Die Nation sich ĂŒber die Religion, ĂŒber des Gesellschaftsentwurf des Islam identifiziert, gehört ein Konvertit zum Christentum nicht mehr dazu. Selbst in der laizistischen TĂŒrkei wird das so empfunden. Eine Abkehr vom Islam kommt einer “Beleidigung des TĂŒrkentums” gleich. Die Ermordung der Christen Hrant Dink und der drei Christen in Malatya in diesem Jahr sind die Folgen einer solchen Denkweise. Ein TĂŒrke hat Moslem zu sein! Die unsĂ€glichen Schikanen gegen den ökumenischen Patriarchen, das Verbot, seinen offiziellen Titel zu fĂŒhren, das Untersagen der Priesterausbildung innerhalb der TĂŒrkei und die andauernde Ablehnung, den christlichen Kirchen Rechtsstatus zu gewĂ€hren, all diese MissstĂ€nde haben ihre Wurzel darin, dass die nationale IdentitĂ€t keinen Raum fĂŒr AndersglĂ€ubige hat. Es handelt sich eben – wie vorher erlĂ€utert – um Dar al Islam – Haus des Islam. Christen kĂ€mpfen vergeblich in vielen Islamischen LĂ€ndern der Welt um Anerkennung als rechtmĂ€ĂŸige, pflichtbewusste und treue BĂŒrger ihres Staates. Ob Pakistani, Iraner, TĂŒrke oder PalĂ€stinenser, den Christen haftet der Geschmack des Dhimmi, des AbhĂ€ngigen, des Minderwertigen, des BĂŒrgers zweiter oder dritter Klasse an.

 

 

Das hat auch in den relativ modernen Staaten der islamischen Welt ungeheure Konsequenzen fĂŒr die Mission und fĂŒr das Leben der Kirche. Hatten die PalĂ€stinenser sich ursprĂŒnglich von den arabischen Fellachin dadurch unterschieden, dass sie als Nachfahren der Kreuzfahrer galten und somit auch zu einem bedeutenden Anteil christlich geprĂ€gt gewesen sind, so hat sich seit der StaatsgrĂŒndung Israels und der Widerstandsbewegung der PalĂ€stinenser der Anteil der Christen unter den PalĂ€stinensern proportional zu den muslimischen PalĂ€stinensern in steigendem Maße stetig abgenommen. Inzwischen machen die Hamas keinen Hehl daraus, dass ein PalĂ€stinenser auch Muslim sein muss. Christliche PalĂ€stinenser werden systematisch als Schutzschild fĂŒr die militanten PalĂ€stinenser missbraucht. So im Fall von Bet-Dschala und Bethlehem, wo radikale PalĂ€stinenser die Vororte und Zufahrtswege Jerusalems von besetzten christlichen HĂ€usern auch beschossen haben, so auch im Gaza-Streifen, wo eine militante Gruppe den GebĂ€udekomplex der Baptisten besetzte, um von dort aus ihre innerpalĂ€stinensische Fehde auszufechten.

 

Die UnterdrĂŒckung des christlichen Anteils der Bevölkerung in solchen LĂ€ndern hat System und fĂŒhrt vielfach zu einer MentalitĂ€t der UnterdrĂŒckten. Die christlichen StĂ€mme in Pakistan, die vorwiegend ab 1875 stammesweise zum Christentum ĂŒbergetreten sind, sind schon Jahrtausende schon lange vor Ankunft der Muslime im dreizehnten, vierzehnten Jahrhundert unterdrĂŒckt gewesen. Dieser ehemals Kastenlosen im hinduistischen System wurden auch von den Muslimen verachtet als Heiden (Kafirun). Teilweise wurden sie zwangsislamisiert, wobei mindestens eine Gruppe unter dem Ă€ußeren Deckmantel des Islam ihre ursprĂŒngliche Religion beibehielt und mit Modifikationen weiterpraktiziert.

 

 

Dies bringt uns zum Thema Inkulturation zurfĂŒck. Der enorme gesellschaftliche Druck der islamischen Mehrheit bleibt nicht ohne Auswirkung auch fĂŒr das Leben der Christen in diesen LĂ€ndern. Das fĂ€ngt mit der Fastenpraxis an, berĂŒhrt die Essgewohnheiten, den Lebensrhythmus, die Festlichkeiten und Rituale. Wo in einem islamischen Land wĂ€hrend des Ramadan gefastet wird,  mĂŒssen Christen nicht nur Ă€ußerste Vorsicht walten lassen, um die religiösen Empfindungen der Muslime nicht zu verletzen, und deren Zorn auf sich zu bringen, sondern dort wird auch das christliche Fasten so etwas wie Ehrensache. Man möchte ja den Muslimen in keinem StĂŒck der Frömmigkeit nachstehen. So werden auch in manchen islamischen LĂ€ndern, wo es besondere Riten fĂŒr die Toten gibt, auch solche Riten fĂŒr Christen eingefĂŒhrt. So gibt es etwa in Pakistan Gedenkgottesdienste fĂŒr die Verstorbenen nach 40 und nach 100 Tagen. Manche Christen, beeinflusst durch die islamische Ansicht, finden schon den Gedanken an den Verzehr von Schweinefleisch fĂŒr Ekel erregend. Was von westlichen Missionaren Ende der 70er, Anfang der  80er Jahre “Inkulturation” angeblich “entdeckt” wurde, geschieht in Wahrheit schon immer. Dabei verwahrt sich die islamische Gesellschaft davor, dass die Grenzen zwischen Muslimen und Christen oder AndersglĂ€ubigen verwischt werden. Als Ende des 19. , Anfang des 20. Jahrhunderts eine Kirche fĂŒr einheimische Christen in der Altstadt von Peshawar unter dem Schutz der herrschenden EnglĂ€nder gebaut wurde, wurde die Kirche im Stil einer indischen Moschee gebaut. Ob das nur taktische GrĂŒnde hatte, oder ob eine innere Anpassung gewollt war, lĂ€sst sich nicht mehr nachvollziehen. Weil aber das Bauwerk wie eine werdende Moschee aussah, gab es keinerlei Aufstand in der Bevölkerung bis zur Fertigstellung. Als aber ein Passant beobachtete, dass ein Bauarbeiter ein Kreuz auf der zentralen Kuppe errichtete, hat dieser ihn kurzerhand angeschossen. Diese bleibt die einzige mir bekannte Kirche im indischen Subkontinent, die moscheehafte ZĂŒge trĂ€gt.

 

Die Umma, die “Nation” der Muslime beharrt darauf, ein klares, unterschiedliches Profil als Unterscheidungsmerkmal zu anderen Religionsgemeinschaften beizubehalten. So ist es den Achmedias in Pakistan und den Aleviten in der TĂŒrkei verwehrt, ihre GebetsstĂ€tten “Moschee” zu nennen. Die Moschee (auch Masichib) ist Merkmal des Herrschaftsanspruchs des Islam. Islamforschern ist es schon lĂ€ngst bekannt, dass die Moschee nicht in erster Linie religiösen, sondern gesellschaftlichen Charakter hat. Wo eine Moschee steht, herrscht die islamische Weltordnung. Darum muss die Moschee mit ihrem Minarett sich von anderen religiösen GebĂ€uden unterscheiden. So musste auch das monumentale Bauwerk der Hagia Sophia in Konstantinopel mit Minaretten ausgestattet werden. Nicht nur deswegen, dass der Muezzin die GlĂ€ubigen zum Gebet rufen konnte, sondern auch, um ein Ă€ußeres Zeichen der Dominanz aufzurichten. (Nebenbei bemerkt, ist es kein Wunder, dass ein deutscher evangelischer Bischof  die PlĂ€ne fĂŒr die geplante Kölner Moschee fĂŒr “zu triumphal” bzw. “imperial” hĂ€lt.)

 

 

Christen in islamischen LĂ€ndern leben unter den beiden Vorzeichen der Dominanz und der Duldung. Sie werden von der islamischen Mehrheitsgesellschaft dominiert, sie werden bestenfalls geduldet, oftmals diskriminiert und unterdrĂŒckt. Das macht nicht gerade ein einladendes Bild von der Kirche Jesu Christi bzw. Christenheit in islamischen LĂ€ndern. In der  Tat sind die Kirchen in solchen LĂ€ndern, wo es keine ungebrochene KontinuitĂ€t in der Geschichte von vorislamischen Zeiten her gibt, in der Regel aus Rand- und Außenseitergruppierungen der Gesellschaft entstanden. Hier besteht eine direkte Parallele zur ersten Expansionsbewegung der jungen Kirche unter den Heiden: Was Tazitus als “Abschaum der Menschheit” empfunden hat, ist in einem Land wie Pakistan nicht anders. Christen werden entweder wegen ihres in den Augen der Muslime “minderwertigen” Glaubens oder auch wegen ihrer völkischen Zugehörigkeit gering geschĂ€tzt und auch verachtet.

 

 

Auf diesem Hintergrund ist es leicht zu verstehen, warum die christliche Mission in den islamischen LĂ€ndern sich so schwer tut. Selbst wo ein Mensch die Botschaft von Jesus Christus kennen und schĂ€tzen gelernt und auch diese Denkweise fĂŒr sich selbst ĂŒbernimmt, ist es noch ein großer Schritt, ein weiter Weg, bis er den Glaubenswechsel auch öffentlich vollzieht. Es gibt eine betrĂ€chtliche Zahl von so genannten “heimlichen Christen” in der islamischen Welt, die vielfach Beziehungen zu christlichen Missionaren unterhalten, aber weiterhin in ihren islamischen Familien und VerwandtschaftsbezĂŒgen als Muslime leben. Es gibt auch eine missiologische Debatte darĂŒber, inwiefern man solche Menschen als Christen zĂ€hlen kann. WĂ€hrend die meisten das Merkmal Taufe und auch das öffentliche Bekenntnis zu Jesus Christus verlangen als Ă€ußerliche Kennzeichen der Zugehörigkeit zu Jesus Christus und zu seiner Kirche gibt es andere, die meinen, es sei zu viel verlangt, dass ein Konvertit in manchen LĂ€ndern quasi sein eigenes Todesurteil unterschreibt, in dem er sich taufen lĂ€sst und öffentlich als Christ bekennt. Ein bereits verstorbener Kollege, der unter Paschtunen an der Grenze zu Afghanistan gearbeitete hat, sagte wĂ€hrend seines zweiten Vierjahresaufenthaltes in Pakistan, er könne nur noch KĂŒhlschrĂ€nke und Klimaanlagen reparieren, einen Menschen zum Glauben an Jesus Christus zu fĂŒhren, nur damit er von seinen Verwandten umgebracht wĂŒrde, das könne er nicht! Wie es so oft kommt, flĂŒchtete er sich zunĂ€chst in Akademika. In diesem Falle hatte das segensreiche Auswirkungen: Er untersuchte die Dynamik hinter den Bekehrungen aus dem Islam zum Christentum und stellte fest, dass die, die sich zu Jesus Christus vom Islam bekehrt haben, nicht nur bei vollem Bewusstsein der möglichen Konsequenzen das taten, sondern das auch gerne taten, weil die frohe Botschaft von Jesus Christus sie so ergriffen und ihr Leben so verĂ€ndert hatte. “Christus, der ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn” ist ein Wort, das nicht nur zu Zeiten des Apostels Paulus GĂŒltigkeit hatte!

 

 

An dieser Stelle möchte ich die Geschichte von dem Paschtunen Sia erzĂ€hlen. Ich lernte Sia kennen Mitte der 80er Jahre, als er noch Muslim war. Als Blinder hatte er in Pakistan keine Erwerbsmöglichkeiten. Normalerweise wĂ€re er zum Betteln verurteilt gewesen. Auf irgendeinem Wege hat ein Missionar seine Bekanntschaft gemacht und ihn gefragt, ob er eine Arbeit haben wolle als Sprachinformat fĂŒr die Paschtu-Sprache bei einer Übersetzungsarbeit.  Das bot ihm eine bisher unbekannte UnabhĂ€ngigkeit und es interessierte ihn auch. So arbeitete er jahrelang an einem geheimen Projekt in Peschawar zur Übersetzung des Neuen Testaments in die Paschtu-Sprache. Über seine BeschĂ€ftigung mit den Texten und der sinngetreuen Übertragung in seine Muttersprache wurde er immer mehr von der Botschaft Jesu Christi fasziniert und auch ergriffen. Er wurde glĂ€ubiger Christ und Ă€ußerte den Wunsch, sich taufen zu lassen. Als seine Taufe und der Übertritt zum Christentum und somit sein “Abfall” vom Islam bekannt wurde unter seinen Stammesangehörigen, wurde er entfĂŒhrt. Zuerst wurde er auf bewĂ€hrte Weise windelweich geprĂŒgelt und ĂŒbelst zugerichtet. Von ihm wurde verlangt, dass er dem christlichen Glauben absage und zum Islam zurĂŒckkehre. Er lehnte ab. Er sagte seinen Peinigern, sie könnten ihn noch so schlagen, seinen Jesus werde er nicht verlassen. Wo die Peitsche nicht geholfen hat, versuchten es seine Peiniger mit dem Zuckerbrot: Sie boten ihm ein Landgut an, das in seinen Besitz ĂŒbertragen werden sollte, auf dem er in Ruhe und in WĂŒrde leben könne, die Felder wĂŒrden von den auf dem Gut ansĂ€ssigen Leibeigenen bewirtschaftet, die Tiere versorgt, die ObstbĂ€ume gepflegt und geerntet, er hĂ€tte ein paradiesisches Leben! Auch hier setze sich Siad zur Wehr. Auch wegen Wohlstand oder Reichtum werde er seinen Heiland nicht verleugnen! Wutentbrannt drohten ihm seine EntfĂŒhrer, die Zunge auszuschneiden, wenn er weiterhin so lĂ€stere und zum Islam nicht zurĂŒckkehre. Als Sia auch hier sich dem Druck nicht beugte, haben sie ihre Drohung wahr gemacht. Nachdem sie dem Blinden die Zunge ausgeschnitten hatten, legten sie ihm ein Blatt vor, auf dem er unterschreiben solle, dass er dem Christentum abgesagt und dem Islam wieder angenommen hat. Als er sich immer noch weigerte, brachten sie ihn um. Ja, Konvertiten aus dem islamischen Kontext wissen sehr wohl, worauf sie sich eingelassen haben!

 

Weil der Druck von Familie und Stamm, von Gesellschaft und Staat so groß ist, wird kein Mensch leichtfertig Christ in einem islamischen Land. Zwar gibt es die FĂ€lle, wo ein junger Moslem sich in eine Christin verliebt und im Affekt den Wunsch Ă€ußert, Christ zu werden, damit er das Herz der jungen Frau auch gewinnen könne, aber die FĂ€lle sind selten, und wenn es dazu kommt, dann ist die Konversion nie ernsthaft und schon gar nicht von Dauer. In vielen islamischen LĂ€ndern wird in so einem Fall die junge Christin schlicht entfĂŒhrt, von dem, der sie als Frau haben möchte, vergewaltigt, und somit fertige Tatsachen geschaffen. Das gilt gerade auch fĂŒr LĂ€nder, wo es eine grĂ¶ĂŸere christliche Population gibt und die gesellschaftlichen Grenzen zwischen Muslimen und Christen Begegnungen zwischen den beiden Gruppierungen zulassen, wie etwa in Ägypten oder in Pakistan.

 

Wo es erfolgreiche Mission in islamischen LĂ€ndern gibt, dann betrifft diese in der Regel gesellschaftliche Randgruppierungen, die nichts oder nur wenig zu verlieren haben durch eine Konversion zum christlichen Glauben. Im indischen Subkontinent haben die ehemals Kastenlosen nicht nur ein Selbstbewusstsein gewonnen, wo sie durch die Annahme des christlichen Glaubens begriffen, dass sie Kinder Gottes sind, auch ihr rechtlicher Status in der Gesellschaft hat sich verĂ€ndert. Und das betrifft nicht nur das hinduistische System, sondern ebenfalls die muslimische Gesellschaft des sĂŒdasiatischen Subkontinents. Die zum Christentum Bekehrten galten nicht mehr als “UnglĂ€ubige” (Kafirun), sondern als “Volk des Buches” (Ahal al kitab). Der Islam behandelt ja Juden und Christen anders als Heiden. Als Besitzer eines Buches, das heißt als EmpfĂ€nger der göttlichen Offenbarung haben sie eine gewisse Daseinsberechtigung. Wenn auch ihr Glaube nach islamischem VerstĂ€ndnis irregeleitet, korrumpiert ist, so sollten sie doch nicht zwangsislamisiert werden. Dass es trotzdem dazu gekommen ist im Laufe der Geschichte steht auf einem anderen Blatt und wird gleich nachher zur Sprache gebracht werden.

 

 

An dieser Stelle geht es mir darum, festzuhalten, dass der Islam als nachchristliche Religion bereits alle Sicherungen eingebaut hat, um eine RĂŒckkehr vom Islam zum Christentum oder zum Judentum effektiv zu verhindern. In diesem Sinne ist der Islam nicht nur eine nachchristliche Religion, sie ist eine zutiefst antichristliche Religion. Sie ist eine Religion, die mit dem Anspruch, die Offenbarung des biblischen Gottes zu vollenden. Der Islam ist angetreten mit dem Anspruch, dem wahren Glauben zum Durchbruch zu verhelfen und die biblische Hoffnung auf das Reich Gottes, das bekanntlich eschatologisch gemeint ist, durch die Aufrichtung eines islamischen Weltreiches im Hier und Jetzt.

 

Ob Nordafrika, Maghreb, Maschrek, Persien (Sassanidenreich), Levante, Anatolien, Kleinasien, Bosnien, Zentral- und SĂŒdasien – weil der Islam eine nachchristliche Religion und Gesellschaftsordnung ist, hat der Islam in seinem Ausdehnungsbereich bereits mit dem Christentum abgerechnet. In seinen entscheidenden Expansionsphasen ist der Islam auf militĂ€rischem Wege zur Vorherrschaft gekommen. Zwar gab es auch viele, die aus Überzeugung Muslime geworden sind, darunter wohl das Gros der altkirchlichen HĂ€retiker, die von der Kirche exkommuniziert und verrieben worden waren. Vieles spricht dafĂŒr, dass Mohammed das Christentum gerade in seinen hĂ€retischen und nichtorthodoxen Formen kennen gelernt hat. HĂ€retische christliche Gruppierungen hatten den Schutz der WĂŒste gesucht, wie Paulus vor ihnen, damit der lange Arm der religiösen Justiz sie nicht erreiche. Viele HĂ€retiker, etwa die, die die Gottessohnschaft Jesu leugneten, werden dem neuen “Propheten” Mohammed und seine Botschaft, seine Einstellung zu Jesus als BestĂ€tigung gesehen und ihn gefeiert haben. Es kommt nicht von ungefĂ€hr, dass erst nach der Rezeption der ökumenischen Konzile es zur Ausbreitung des Islam kam, dass sogar ein Angriff auf Byzanz durch Muslime möglich war. Gleichzeitig mit der Ausbreitung des Islam im siebten Jahrhundert hören die innerkirchlichen dogmatischen KĂ€mpfe auf. Der Islam wurde zum sicheren Hafen fĂŒr einen Großteil der HĂ€retiker und Schismatiker und auch inhaltlich zu deren Erbe. Auch in diesem Sinne ist der Islam eine antichristliche Religion. Sie bekĂ€mpft die zentralen Aussagen der Bibel, leugnet den dort aufgezeigten Heilsweg und ersetzt diesen mit einer Werkgerechtigkeit.

 

 

Das Hauptproblem bei der Inkulturation des Evangeliums in der Islamischen Welt ergibt sich also aus der Tatsache, dass der Islam eine NACH-christliche Religion ist, eingepfropft zwar in judeo-christliche Traditionen, aber mit einem völlig anderen “genetischen SchlĂŒssel”. AnknĂŒpfungspunkte gibt es “legion-weise”, leider sind die Gegenargumente schon weitgehend bei der Entstehung des Islam aus der Ratio der Abgrenzung ausformuliert worden.

 

Leider stellt sich die Frage kaum, wie die KIRCHE, bzw. Gemeinden durch eine gesunde Form der Inkulturation in der islamisch geprÀgten Gesellschaft einladend wirken könnte. Beispiele gibt es schon, aber die zeigen selber ihre Grenzen auf:

 

  1. a) Kawwali

In der sufisch geprĂ€gten Frömmigkeit spielen musische Elemente eine bisweilen große Rolle. Ob Derwisch-Tanz oder andere Formen des religiösen Tanzes (z.B. beim Zikr), ob Musik oder Gesang, wie in der Tradition des Kawwali zu Ehren des Propheten – diese Elemente haben alle den Hauch des Unorthodoxen an sich und werden von den RespekttrĂ€gern der Orthodoxie bestenfalls geduldet.

  1. B) Gebetszeiten

 

  1. C) Kirchenbau nach Moschee-vorbild

 

Viele Elemente der islamischen praxis pietatis sind der jĂŒdischen und oder christlichen entnommen:

Gebetszeiten vom monastischen Vorbild

Gebetshaltung mit prostratio

Bilderverbot (Bilderstreit)

Reinheitsgebote

Sitten und Moral

 

 

 

 

  1. Konsequenzen fĂŒr die Missionsmethodik in der islamischen Welt

Randgruppen und Subkulturen (junge Iraner)

Minderheitgesellschaften (Algerien, Marokko, Tunesien, Europa!)

 

 

Raimundus Lullus (katalan. Ramon Llull* 1232 in Palma de Mallorca; + Anfang 1316 auf der Fahrt von Tunis nach Mallorca)

 

Samuel Zwemer

Samuel Zwemer (1867 – 1952) wurde einmal nach seinen Missionsmethoden gefragt: „Dr. Zwemer, welches ist Ihrer Ansicht nach die beste Methode, Muslime mit dem Evangelium Jesu Christi zu erreichen“ Antwort: „Meine Methoden sind dem wirklichen Leben und der tatsĂ€chlichen Praxis abgerungen. Dabei haben wir uns entschieden, niemals den Islam anzugreifen oder die Religion irgendeiner anwesenden Person madig zu machen. Sondern wir haben versucht, den Anspruch Christi positiv zu prĂ€sentieren und die Menschen liebevoll einzuladen, Christus als den Herrn ihres Lebens anzunehmen. Weist sie zu Christus, dem wahren Wort Gottes.“

 

Kenneth Cragg

Kenneth Cragg, einer der bedeutenden VĂ€ter des Christlich-Islamischen Dialogs, stellt fest: „dass es eine christliche Verpflichtung gegenĂŒber dem Islam gibt, die unabhĂ€ngig davon ist, wie Muslime darauf reagieren. Mission ist im Wesen Christi und im Wesen des Evangeliums verwurzelt und erhĂ€lt seine Bedeutung durch die Haltung des Islam, der Christus nicht erkennt, wie er in Wirklichkeit ist. Da [aber] Christus ist, der er wirklich ist, muss er in aller Klarheit verkĂŒndigt werden. Da der Islam ist, was er ist, ist dieses Muss unwiderstehlich. Wo immer ĂŒber die Person Christi MissverstĂ€ndnisse vorherrschen, steht ein durchdringendes Zeugnis auf der Tagesordnung. Wo immer die Herrlichkeit des Kreuzes verdunkelt wird, gilt es den Schleier zu entfernen. Wo immer Menschen Gott in Christus verpasst haben, muss er ihnen aufs Neue gebracht werden.“

 

 

Erzbischof Dr. Josiah Fearon aus Kaduna, Nigeria, der aus einer wirklichen Leidenssituation heraus kommt, sagte am 2. Advent 2003 in einer Predigt in Baiersbronn: „Wir haben als Christen gar keine andere Wahl, als die Muslime zu lieben und ihnen das Evangelium zu verkĂŒndigen. Wenn ihr aber diesbezĂŒglich in Deutschland das Evangelium verschweigt an den Muslimen schuldig werdet, werden Sie euch eines Tag zum Gericht werden

 

[1]Aktuell gab es ein ErklĂ€rung nordamerikanischer Evangelikale zum Thema Evangelium und Kultur vom…

[2] Der Begriff wurde vor allem von Georg Vicedom im Umfeld der Weltmissions- konferenz von 1952 in Willingen verbreitet.

[3] Mission und Evangelisation, Prof. Dr. Eberhard JĂŒngel, Tagung der 9. Synode der EKD

  1. – 12. November 1999, Leipzig.

 

[4] Ob nach sunnitischer Tradition am 12. Rabi‘ al‑Awwal (571 war das der 25. April) oder nach den Schiiten am 17. Rabi‘ al‑Awwal 52 v.d.H. das wĂ€re der 30. April 571 n.Chr. – in nichtislamischen Quellen findet man manchmal das Datum 20. April 571 – es lĂ€sst sich nur festsellen, dass das genaue Geburtsdatum unbekannt ist.

[5] u.a. Adam und Noah als Prophetengestalten, die Vertauschung der Isaak/Ismail-Gestalt bis hin zu Jesus als letzter Prophet vor Mohammed

[6]  So meinen Muslime im allgemeinen, dass die TrinitĂ€t aus einem Vatergott, einer Muttergott (Maria) und einem Gottessohn bestĂŒnde. Freilich hat die altkirchliche Lehre von der “Gott-gebĂ€rerin” (theotokos) MissverstĂ€ndnisse in dieser Richtung erleichtert – aber es ist bezeichnend, dass im Islam der Bezug zum heiligen Geist vollkommen fehlt.

[7] Unter den modernen Islamisten vielleicht der Mahdi, der den Aufstand gegen die EnglĂ€nder im Sudan geprobt hat, oder Osama bin Laden, aus bekannten GrĂŒnden.

[8] Wenn das “Haus des Friedens” sein soll, dann im nur im Sinne eines durch Unterwerfung “befriedetes” Gebiet – wie im Sinne der pax romana.

[9]So im vermeintlich “modernen” Irak, wo es immer noch ein Tauziehen um die politische Macht zwischen den StĂ€mmen – nicht nur Völkern (!) gibt.

[10] “kisi keh kushtah nashud az qabilah manest”.

[11] Der Patriarch der russisch orthodoxen Kirche spricht von einer „Symphonie“ von Kirche und Staat.

[12] Man denke nur an die pornographisch anmutende Kunst des mittelalterlichen Persiens.

[13]  Um1850 befindet sich der Mahdi im Sudan im Aufstand gegen die Briten. Kolonialismus und Macht des Westens sind die Auslöser fĂŒr die DemĂŒtigung, die zur radikalen Form des Islamismus gefĂŒhrt hat.

Intensivkurs Islam – Der Islam in Deutschland

Screencasts/PrÀsentationen

hier nun der abgeschlossene Kurs. Eine Fortsetzung der Thematik des letzten Abends gibt es bei der TĂŒbinger Hofacker Abendbibelschule im Primus TrĂŒber Haus, Derendingen, vom 15-19.2.2016 jeweils um 20h.

Die farbigen Texte sind Links zu den PrĂ€sentationen, die in einem neuen Fenster geöffnet werden. Sie können in diesem Fenster auf die Audiodatei klicken um den Vortrag zu hören und dann gleichzeitig im anderen Fenster mit den >vorwĂ€rts> und <rĂŒckwĂ€rts< Pfeilen durch die PrĂ€sentation klicken.

Die fĂŒnf Abende der Hofacker Abendbibelschule im November „Bibel und Koran – zwei BĂŒcher, zwei Botschaften“ können sie hier hören.

1) 13.10.2015: Der Islam, die Muslime bei uns. – Eine Bestandsaufnahme

2) 20.10.2015:  Worauf berufen sich Muslime in ihrer Unterschiedlichkeit?

3) 27.10.2015: Der Koran und seine Auslegung im Islam. Herkunft, Intensivkurs Islam 7aWirkungsgeschichte und Interpretation.

4) 03.11.2015 Die Überlieferungen und die Mohammedtradition

(die erste HĂ€lfte bis zu Pause war wegen technischer Probleme ohne Folien)

5) 17.11.2015 Der real in Deutschland existierende Islam 1: Die Konservativen (Islam und Islamismus – eine treffende Unterscheidung?)

6) 24.11.2015 Der real in Deutschland existierende Islam 2: Die „Moderaten“/Traditionalisten“

Hier der Link zum Vortrag von Johannes Gerloff:

7a) 01.12.2015 Der Real in Deutschland existierende Islam 3: „Die Modernen“/die Liberalen erster Teil (Link: Intensivkurs Islam 7a)

7b)  Der Real in Deutschland existierende Islam 3: „Die Modernen“/die Liberalen zweiter Teil (Link: Necla Kelek Teil 1)

8a) Der Real in Deutschland existierende Islam 3 Fortsetzung

(Link: Necla Kelek Himmelsreise Teil 2)

8b) Liebevoll Profil zeigen. Ein Beitrag zu Klarheit und guter Nachbarschaft mit den Muslimen unter uns (hierfĂŒr ist keine Audiodatei vorhanden – die Aufnahme nach der Pause war korrupt)

9) Gibt es eine „ethische Wertegemeinschaft“ mit Muslimen in Deutschland?

10) Wie kann ich meinen Glauben Muslimen gegenĂŒber bezeugen?

Lieteraturempfehlung fĂŒr das aktuell laufende Gemeindeakademie-Seminar zum Thema „Der Islam in Deutschland“

Der Islam in Deutschland

Literaturempfehlungen (zum Islam allgemein s. ausfĂŒhrlichere Literaturliste)

 

 

Monographien:

 

Irion, Christoph. Wer hat Angst vor dem Islam? 1. Aufl. Holzgerlingen: SCM HĂ€nssler, 2015.

Kandel, Johannes. Islamismus in Deutschland: Zwischen Panikmache und NaivitÀt. 1. Aufl. Verlag Herder, 2011.

Kelek, Necla. Himmelsreise: Mein Streit mit den WĂ€chtern des Islam. MĂŒnchen: Goldmann Verlag, 2011.

Mehmet, Özay. Fundamentalismus und Nationalstaat. Hamburg: EuropĂ€ische Verlagsanstalt, 1994.

Schirrmacher, Christine. Politischer Islam und Demokratie. 1. Aufl. Holzgerlingen: SCM HĂ€nssler, 2015.

Spuler-Stegemann, Ursula. Feindbild Christentum im Islam: Eine Bestandsaufnahme. 3. Aufl. Freiburg im Breisgau: Herder Freiburg, 2004. (Bes. S. 173 ff.)

———. Muslime in Deutschland: Fakten und HintergrĂŒnden. neue Aufl. Freiburg im Breisgau: Verlag Herder, 2015. (erscheint demnĂ€chst! Die ursprĂŒngliche Ausgabe von 2002 ist wichtig und interessant, aber inzwischen lt. Verfasserin ĂŒberholt)

 

Quellen im Internet:

„AkgĂŒn: ‚Islam und LiberalitĂ€t passen zusammen‘“. Zugegriffen 9. August 2013. http://www.pro-medienmagazin.de/gesellschaft.html?&news[action]=detail&news[id]=6927.

Altenbockum, Jasper von. „‚Harte Bretter‘ Die hohlen Islam-Phrasen“. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. Januar 2015. http://www.faz.net/aktuell/politik/harte-bretter/harte-bretter-die-hohlen-islam-phrasen-13372376.html.

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