Archiv der Kategorie: Bibel

Die jĂĽdisch-christliche Ăśberlieferung und der Islam

Jesus is eine wichtige Gestalt im Koran

Für den Koran, den Mohammed in Abschnitten zu verschiedenen Zeiten und Anlässen seinen Nachfolgern stets mündlich vorgetragen hat, steht der Glaube der Muslime in einer ungebrochenen Tradition von Adam über Abraham, Mose und die Propheten, inklusive Jesus (Koran Sure 3,84; 4,163. Mohammed ist der letzte Prophet in einer kontinuierlichen Reihe. Der Islam sieht Jesus als zweitwichtigsten Propheten nach Mohammed. Als Überbringer des „Indschil“ (Lehnwort im Arabischen von „Evangelium“) hat er den Willen Allahs den Heiden verkündet (Koran 2,87.136.253). „Evangelium“ ist für Muslime allerdings lediglich die Bezeichnung für das „Buch“ Neues Testament, nicht die „Frohbotschaft“ von der Erlösung durch Jesus Christus, wie Christen den Begriff verwenden. Der Koran berichtet davon, dass Jesus Wunder getan hat (3,49; in Anlehnung an das gnostische Thomas-Evangelium auch schon als Kind). Auch davon, dass Jesus „Christus“ (wird als Eigennamen, nicht als Messiastitel verstanden) von der Jungfrau Maria durch ein Wunder Gottes geboren wurde, berichtet der Koran: durch einen göttlichen Schöpfungsakt (19,20 f),  bzw. durch das Einhauchen des Geistes (19,22). Allerdings sieht der Koran ihn nur als einen Propheten, und nicht als Sohn Gottes, der für die Sünden der Welt gestorben wäre. So z.B. Koran 4,171f  „ Leute der Schrift! Treibt es in eurer Religion nicht zu weit und sagt gegen Gott nichts aus, als die Wahrheit! Christus Jesus, der Sohn der Maria, ist nur der Gesandte Gottes und sein Wort, das er der Maria entboten hat, und Geist von ihm. Darum glaubt an Gott und seine Gesandten und sagt nicht (von Gott, daß er in einem) drei (sei)! Hört auf (so etwas zu sagen)! Das ist besser für euch. Gott ist nur ein einziger Gott. Gepriesen sei er! (Er ist darüber erhaben) ein Kind zu haben. Ihm gehört (vielmehr alles), was im Himmel und auf der Erde ist. Und Gott genügt als Sachwalter. |172 Christus wird es nicht verschmähen, ein (bloßer) Diener Gottes zu sein, auch nicht die (Gott) nahestehenden Engel.“  (Zitiert nach der Übersetzung von Rudi Paret)

Der Islam ist auf dem Boden der jĂĽdisch-christlichen Offenbarung entstanden

Mohammed hat Kontakt zu Christen und Juden von seiner Jugend an gehabt und steht in dieser Tradition. Vor allem bis zu dem Zeitpunkt seines Auszugs aus Mekka 622 n. Chr. verstand er sich als Geistes- und Seelenverwandter der Juden und Christen. Er gehörte zu einer Bewegung von Menschen, die sich „HanÄ«f“ (vgl. Koran 3,67; 6,79; 10,105; 16,120; 30,30) nannten und in Ablehnung der Vielgötterei den wahren Gott suchten. Mohammed sah sich eindeutig in der Tradition Abrahams, Moses, Davids und Jesu. Ein Teil seiner frĂĽhen Anhänger ist auf Grund der Verfolgung durch die Mekkaner in das christliche Reich Aksum geflohen, wo sie angeblich den Negus, den christlichen Herrscher von ihrer Rechtgläubigkeit ĂĽberzeugen konnten. Es gab später Versuche, die Christen von Aksum (vielleicht auch von Nadschran, einer Stadt im SĂĽdwesten Arabiens an der Grenze zum Jemen), zu ĂĽberzeugen, dass  Mohammed es nicht im Sinn hatte, eine neue Religion zu grĂĽnden, sondern sich als Reformer verstand, der die Menschen zum wahren Glauben, zur Unterwerfung unter den alleinigen Gott zurĂĽckfĂĽhren wollte. Bein einem Besuch von diesen Christen in Medina bei Mohammed hat dieser ihren Glauben bestätigt: Die älteste erhaltene Biographie Mohammeds von Ibn Hischam zitiert den Koran (28,53) „Diejenigen, denen wir die Schrift frĂĽher schon gegeben haben, sie glauben daran; und wenn sie ihnen vorgetragen wird, dann sprechen sie: Wir glauben daran. Wahrlich, das ist die Wahrheit von unserem Herrn. Wirklich, wir waren schon frĂĽher Moslems (an Gott Ausgelieferte)“.

Islam heiĂźt Unterwerfung unter Allah

Christen – und manchen Muslimen – ist es nicht bekannt, dass Mohammed die Begriffe „Islam“ und „Muslim“ nur als „Gottergebenheit“ bzw. „Unterwerfung unter Gott“ und „Gottergebener“ bzw. „Gott Unterworfener“ verwendet hat. In diesem Sinn sind auch die Gläubigen Juden z.Zt. Moses „Muslime“ (Koran 10,84;  Koran 16,43 sagt ausdrĂĽcklich  „Und wir haben vor dir immer nur Männer (als unsere Gesandten) auftreten lassen, denen wir (Offenbarungen) eingaben. Fragt doch die Leute der (frĂĽheren) Mahnung (d.h. Angehörige der frĂĽheren Offenbarungsreligionen), wenn ihr nicht Bescheid wisst! 44 (Wir haben sie) mit den klaren Beweisen und den BĂĽchern (gesandt). Und wir haben (nunmehr) die Mahnung (d.h. den Koran) zu dir hinabgesandt, damit du den Menschen klarmachst, was (frĂĽher) zu ihnen hinabgesandt worden ist, und damit sie vielleicht nachdenken wĂĽrden.“  „Das sind die Leute der Schrift.” (Jami‘-ul-Bayan Fi Tafsir Al-Qur’an von At-Tabari, Band 14 Seite 144). FĂĽr Mohammed war der Islam die universale, ewig gĂĽltige Religion, in der auch die biblische Tradition stand.

Auch weitere biblische Gestalten des Alten Testaments wie Josef, Aaron, Hiob gehören zum Traditionsgut der Muslime und kommen im Koran vor. Abraham, Noah, Josef, Jona und Maria bekommen im Koran sogar je eine eigene Sure (Abschnitt). Allerdings gehen die Darstellungen im Vergleich zu den biblischen Berichten teilweise sehr weit auseinander. Die offizielle Erklärung der muslimischen Theologen dazu ist, dass die Christen und Juden nachträglich ihre Schriften verfälscht hätten, ursprünglich seien sie aber Einklang mit dem Koran gewesen. Nach dem Verständnis des Islam sind die Berichte von biblischen Personen im Koran nicht einfach geschichtliche Überlieferungen – auch nicht von inspirierten Texten früherer Autoren, sondern direkte Offenbarungen Allahs an Mohammed durch den Erzengel Dschibril (Gabriel). Das erschwert natürlich das Gespräch mit Muslimen in diesem Punkt, denn es gibt keine erhaltenen Texte aus der Antike, die diese These der Islamgelehrten unterstützen könnte, während wir als Christen an der Integrität der Bibeltexte festhalten (Das sogenannte „Barnabasevangelium“ , auf das Islamgelehrte in dieser Frage verweisen, ist ein spätmittelalterlicher Text).

FĂĽr den Koran sind die Gläubigen des Alten wie des Neuen Testaments „Muslime“

Der Koran sieht die Gestalten des Alten wie des Neuen Testaments als wahre Muslime, deren Tradition durch die Verfälschung der biblischen Texte verderbt worden sei. Von daher führen die Dialoggespräche über die Richtigkeit der Texte des Koran und der Bibel in eine Sackgasse. Weil für die Muslime der Koran schon vor Zeit und Ewigkeit von Allah im Himmel auf einer großen Tafel aufgezeichnet worden sei und einzig und allein nach und nach Mohammed über die Mittlerschaft der Engelwelt offenbart wurde, habe der Text der Koran die ursprüngliche Bedeutung der göttlichen Offenbarung beibehalten.

Solche Muslime, welche die Bibel lesen, sind allerdings oft beeindruckt von der Klarheit und der Botschaft der Texte. Im Vergleich zum Koran ist die Bibel sehr eingängig und logisch, auch im Aufbau. Am meisten sind Muslime von den Evangelienberichten von Jesus und seiner Botschaft beeindruckt. Der Streit darüber, welcher Text Recht hat, bringt im Gespräch mit Muslimen nicht weiter. Vielmehr muss nach der Wirkung des Textes gefragt werden. Was macht das Lesen der Texte mit einem? Verändert die Botschaft des heiligen Textes das Leben? Nicht die geschichtliche Herkunft der Texte ist in diesem Fall entscheidend, sondern ihre Wirkkraft auf das Leben!

Joh 17,1-8 »Das kleine dreimal eins des Schenkens – wie Jesus uns beschenk«

Predigt in Gniebel am Palmsonntag, d. 24.03.2013

 

Joh 17,1-8

Das hohepriesterliche Gebet

1 So redete Jesus und hob seine Augen auf zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist da: verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche;

2 denn du hast ihm Macht gegeben ĂĽber alle Menschen, damit er das ewige Leben gebe allen, die du ihm gegeben hast.

3 Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.

4 Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue.

5 Und nun, Vater, verherrliche du mich bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war.

6 Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie waren dein und du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt.

7 Nun wissen sie, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir kommt.

8 Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, dass du mich gesandt hast.

 

Das kleine dreimal eins des Schenkens – wie Jesus uns beschenkt

 

Der Abschnitt, den wir gerade eben gehört haben ist die Einleitung zum so genannten hohen priesterlichen Gebet Jesu, dass er im Garten Gethsemane kurz vor seiner Verhaftung in intensivem Ringen mit dem Vater gesprochen hat. In ganz merkwürdiger Weise redet er von sich dabei in der dritten Person. Warum macht er das? Wir könnten denken, dass es sich so verhält, wie die Mutter, die mit ihrem kleinen Kind spricht und es trösten will indem sie sagt: „die Mama kommt ja gleich wieder!“ Es ist eine gewisse Nähe zum Kind da, aber auch in gewisser Weise ein Appell an das Kind zu begreifen, dass die Mutter es doch niemals im Stich lassen würde. Vielleicht schwingt ein bisschen etwas von diesem Rollenverständnis auch in der Art und Weise wie Jesus von sich in der dritten Person redet. Er redet von sich als vom Sohn Gottes. Es ist ein Stand und ein Amt, das er innehat. Er redet nicht nur von sich als Person, sondern von sich als den Gott der Vater in die Welt gesandt hat um die Menschen zu erretten.

 

An dieser Stelle zieht Jesus Bilanz über das, wozu er in die Welt gesandt worden ist, und was er tatsächlich vollbracht hat. Es ist eine positive Bilanz! Insbesondere drei Aufgaben listet Jesus hier auf, weswegen er in die Welt gekommen ist und die ihm auch gelungen sind. Es ist keineswegs ein tragisches Ende einer verunglückten Karriere wie manche moderne Theologen die Verhaftung, Passion und Sterben Christi beurteilen. Im Gegenteil! In seinen eigenen Augen ist es eindeutig und ganz klar: Jesus hat seine Aufgabe erfüllt. Er hat all die Menschen, die Gott ihm anvertraut hat, die Gott ihm geschenkt hat als jüngeren und Jünger zum ewigen Leben gebracht, zum ewigen Leben das hier und jetzt schon beginnt.

 

Lasst uns diese drei Dinge der Reihe nach unter die Lupe nehmen!

 

1.) Jesus schenkt das Leben

 

in keinem der anderen drei Evangelien wird das so klar und deutlich uns gezeigt, dass Jesus seine Rolle als Retter und Erlöser der Menschen verstanden hat. Zwar ist es in allen Evangelien gerade in der Passionsgeschichte verdichtet dargestellt und zwischen den Zeilen jedenfalls deutlich zu erkennen, aber das Johannesevangelium führt es ausführlich aus, dass das das Hauptziel Jesu kommen in diese Welt und seines Wirkens in dieser Welt gewesen ist. Jesus war kein Moralapostel, kein frustrierter Revolutionär und kein von Unglück und pechgeplagter Religionslehrer. Seine Aufgabe hatte er darin, unsere Beziehung zum Schöpfer und Geber des Lebens, zum Vater im Himmel durch sein Leben und stellvertretendes Sterben wiederherzustellen, damit wir wieder zurück zur Quelle des Lebens, zu Gott selbst geführt werden. In der Schöpfungsgeschichte wird berichtet, wie Gott selbst seinen Lebensatem dem Menschen ein hauchte und ihn so zu einer lebendigen Seele machte. D.h. nichts anderes, als dass der Mensch ursprünglich sein Leben vom ewigen Gott, vom Schöpfer aller Dinge selbst, direkt hat. Während die Bibel davon spricht, dass die Erde alle Pflanzen und Tiere, alles sonst was lebt auf Erden je nach seiner eigenen Art hervorbrachte, stammt der Mensch von Gott selbst. Er hat sein Leben, seine Wesen aus Gott. Darum kann es auch in Psalm 82 heißen: „Ihr seid Götter und Söhne des Höchsten“.

 

Jesus ist gekommen, damit wir diesen Zugang zum höchsten, zur Quelle des Lebens wiederbekommen. Wo wir die Vergebung unserer Sünde empfangen und die Beziehung zum himmlischen Vater wieder geheilt wird bekommen wir wieder das Leben aus Gott, das in Ewigkeit bleibt.

 

Hören wir noch einmal auf die Eingangsworte Jesu:

 

1 So redete Jesus und hob seine Augen auf zum Himmel und sprach: Vater, die Stunde ist da: verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrliche;

2 denn du hast ihm Macht gegeben ĂĽber alle Menschen, damit er das ewige Leben gebe allen, die du ihm gegeben hast.

3 Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.

4 Ich habe dich verherrlicht auf Erden und das Werk vollendet, das du mir gegeben hast, damit ich es tue.

 

Was uns betrifft geht es also darum, dass wir Jesus als Weg zum Vater, als unsere Errettung erkennen. Hier nimmt Jesus den Faden auf den er bereits ein paar Kapitel vorher begonnen hat, wo er sagte: „Ich bin der Weg die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater denn durch mich.“

 

Glauben heiĂźt Jesus als Weg zum Vater, Jesus als Weg zum ewigen Leben, Jesus als Rettung vom Tode zu erkennen.

 

„Oberhalb des Rheinfalles von Schaffhausen waren zwei Männer mit ihrem Boot umgekippt und trieben hilferufend im Strom. Es wurde ihnen vom Ufer ein Rettungsseil zugeworfen. Der eine der beiden ergriff das Rettungsseil und wurde ans Land gezogen. Der andere klammerte sich in seiner Verwirrung und Todesangst an das Boot und trieb mit ihm in den Tod. Beide haben etwas ergriffen. Beide haben in den Stunden der höchsten Gefahr auf etwas ihr Vertrauen gesetzt. Beide haben an etwas geglaubt. Nur der eine ergriff das Richtige, der andere das Falsche. Es kommt nicht darauf an, dass man ĂĽberhaupt etwas erfasst als seine Rettung in der Not des Todes, sondern dass wir das Richtige ergreifen. So auch im Blick auf unser ewiges Heil. Es gilt, die Wahrheit Gottes im Glauben zu erfassen, denn ,das ist das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesum Christum, erkennen‘ (Joh. 17,3).“

 

Das war das erste: Jesus schenkt das Leben. Wie tut er das? In dem er uns die Möglichkeit gibt, Gott anzurufen, ihn um Vergebung und Erlösung zu bitten.

 

2.) Jesus schenkt den Namen

 

Unseren Namen verwenden wir mit großer Selbstverständlichkeit – auch die Namen derer die wir kennen oder auch nicht kennen. Was bedeutet es, wenn es hier heißt, dass Jesus den Namen Gottes den Menschen geoffenbart hat?

 

5 Und nun, Vater, verherrliche du mich bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war.

6 Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie waren dein und du hast sie mir gegeben, und sie haben dein Wort bewahrt.

 

Wir kennen alle die Situation, in der jemand uns von einem Menschen erzählen will dessen Namen ihm gerade nicht einfällt. Das kann lustig bis schwierig werden! Frustriert heißt es dann „acht du weißt doch wen ich meine!“

 

Wirklich wissen wir es nur, wenn der Name genannt wird. „Gott“ ist kein Name – auch Allah nicht! Das sind Gattungsbezeichnungen. Es ist wie bei der Gattungsbezeichnung „Mensch“: wenn wir jemanden ansprechen „Mensch“, dann kann er sich angesprochen fühlen, muss es aber nicht…

 

 

Gott hat den Menschen seinen Namen geoffenbart er ist J H W H – ich werde sein der ich sein werde. Dadurch hat Gott auf der einen Seite seine UnverfĂĽgbarkeit zum Ausdruck gebracht, auf der anderen Seite aber auch uns Menschen mitgeteilt, dass er fĂĽr uns ansprechbar ist. Das ist ja ĂĽberhaupt die wichtigste Funktion und größte Bedeutung des Namens: mit seinem Namen können wir jemanden rufen, mit seinem Namen können wir jemanden ansprechen. Wir können und dĂĽrfen Gott ansprechen – dazu hat Gott uns seinen Namen gegeben.

In und durch Jesus können wir Gott anrufen. Wilhelm Busch hat in seinem autobiografischen Werk Jesus unser Schicksalunter anderem folgendes aus der Zeit des Dritten Reiches berichtet:

 

„Ich habe einen Abend im Gefängnis erlebt, an dem die Hölle los war. Da hatten sie einen durchgehenden Transport von Leuten eingeliefert, die ins KZ gebracht werden sollten, Leute, die gar keine Hoffnung mehr hatten, teils Kriminelle, teils schuldlose Leute, Juden. Diese Leute packte an einem Samstagabend die Verzweiflung. Und dann brüllte alles los. Das können Sie sich gar nicht vorstellen. Ein ganzes Haus mit lauter Zellen voll Verzweiflung, wo alles schreit und gegen die Wände und Türen donnert. Die Wärter werden nervös und knallen mit ihren Revolvern gegen die Decke, rennen herum, prügeln einen zusammen. Und ich sitze in meiner Zelle und denke: »So wird die Hölle sein.«

Das kann man schlecht schildern. In dieser Situation nun fällt mir ein: »Jesus! Er ist ja da!« Ich erzähle Ihnen, was ich tatsächlich selber erlebt habe. Dann habe ich nur leise – ganz leise – in meiner Zelle gesagt: »Jesus! Jesus!! Jesus!!!« Und in drei Minuten wurde es still. Verstehen Sie: Ich rief ihn an, das hörte kein Mensch, nur er – und die Dämonen mussten weichen! Und dann sang ich, was streng verboten war, ganz laut:

»Jesu, meine Freude, / Meines Herzens Weide, / Jesu, meine Zier. / Ach, wie lang, ach lange/ ist dem Herzen bange / Und verlangt nach dir!« Und alle Gefangenen hörten es. Die Wärter sagten kein Wort, dass ich laut sang: »Mag von Ungewittern / Rings die Welt erzittern, / Mir steht Jesus bei…« Meine Freunde, da habe ich etwas gespĂĽrt, was das bedeutet, einen lebendigen Heiland zu haben.“ (Aus „Jesus unser Schicksal“)

 

Durch Jesus hatte aber auch etwas anderes, neues geoffenbart, nämlich dass wir ihn als Vater anrufen dürfen! Das ist doch ungleich mehr als nur ein Personenname! Da steckt die innigste Beziehung die es überhaupt gibt zwischen Menschen, die familiäre Beziehung – hier die Beziehung zwischen Kind und Eltern. Wir dürfen Gott als Vater anreden. Das definiert die Beziehung die wir zu ihm haben dürfen. Das innige Gebet, in dem Jesus hier zu seinem Vater spricht zeigt auch auf, was für eine Beziehung wir zum himmlischen Vater haben und pflegen dürfen. Was für eine Geborgenheit steckt doch dahinter! Wir dürfen wissen, dass wir Kinder Gottes sind! Wir dürfen wissen, dass der himmlische Vater uns liebt und für uns sorgt!

 

Um diese Beziehung geht es in diesem Text. Jesus will, dass wir als seine Jüngerrinnen und Jünger ihn als den von Gott Gesandten erkennen, der es uns ermöglicht und gelehrt hat, Kinder Gottes zu sein und diese Beziehung mit Gott zu leben. Darum hebt er wiederholt darauf ab, dass die Menschen durch ihn erkennen, dass der himmlische Vater der einzig wahre Gott ist. Wie erkennen das die Menschen? Wir erkennen es durch sein Wort:

 

3.) Jesus schenkt das Wort

 

all das und vieles mehr würden wir nicht wissen, wenn wir die Worte Jesu nicht hätten. Ich denke, dass wir oftmals vergessen, was für ein Schatz wir in den Worten Jesu haben. Was für eine Wahrheit hat er uns damit offenbart! Es geht darum, dass wir die Worte Jesu auch annehmen, dass wir sie zu den Unseren machen, dass wir sie akzeptieren und ihre Gültigkeit anerkennen.

 

7 Nun wissen sie, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir kommt.

8 Denn die Worte, die du mir gegeben hast, habe ich ihnen gegeben, und sie haben sie angenommen und wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie glauben, dass du mich gesandt hast.

 

Die Worte Jesu überzeugen. Er spricht mit Autorität, mit Kraft, nicht wie die „Schriftgelehrten und Pharisäer“. Seine Worte verändern unser Leben. Seine Worte sind Teil des einen Wortes, das am Anfang alles erschuf – aus dem alles hervorgegangen ist. Jesus ist selbst das Wort Gottes, der Logos (Joh 1). Darum können seine Worte immer wieder Neues schaffen. Auch in unserem Leben. Das ist ein Geschenk, das sonst niemand uns machen kann.

Lasst uns Leute des Wortes sein! Hörer und Täter des Wortes. Lasst uns mit dem Wort täglich Leben, das Wort in unseren Herzen fassen, aus seinem Wort heraus leben und so in ihm und seinem Wort verwurzelt in unseren Leben von ihm Frucht hervorbringen lassen!

Amen

 

Wenn nur Christus gepredigt wird!

Predigt am Sonntag Lätare 2012 in Derendingen

 

Phil 1,15-21

15 Einige zwar predigen Christus aus Neid und Streitsucht, einige aber auch in guter Absicht:

16 diese aus Liebe, denn sie wissen, dass ich zur Verteidigung des Evangeliums hier liege;

17 jene aber verkündigen Christus aus Eigennutz und nicht lauter, denn sie möchten mir Trübsal bereiten in meiner Gefangenschaft.

18 Was tut’s aber? Wenn nur Christus verkĂĽndigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darĂĽber. Aber ich werde mich auch weiterhin freuen;

19 denn ich weiĂź, dass mir dies zum Heil ausgehen wird durch euer Gebet und durch den Beistand des Geistes Jesu Christi,

20 wie ich sehnlich warte und hoffe, dass ich in keinem StĂĽck zuschanden werde, sondern dass frei und offen, wie allezeit so auch jetzt, Christus verherrlicht werde an meinem Leibe, es sei durch Leben oder durch Tod.

21 Denn Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn.

 

 

Wenn nur Christus gepredigt wird!

 

Wie das gehen soll? Aus der falschen Motivation heraus predigen? So abwegig ist der Gedanke wohl nicht! Schon öfters hat es das gegeben, dass ein aufgebrachtes Gemeindeglied seinem Ă„rger Luft gemacht, dass der Prediger es wohl besonders auf ihn abgezielt hätte. Es denken also schon Menschen, dass ein Prediger sein Amt missbrauchen könnte, um Dinge, die in der Seelsorge gesagt gehören, an „die groĂźe Glocke“ zu hängen. Vielleicht gibt es das vereinzelt auch wirklich in der Praxis – da möchte ich mir kein Urteil erlauben. Dass Prediger aber die Kanzel missbrauchen, um ihre persönlichen Gedanken und Lieblingsthemen zu verkĂĽnden haben langjährige Gottesdienstbesucher sicherlich an dem einen oder anderen Ort erlebt.

 

Wenn nur Christus gepredigt wird! Als Paulus diese Worte schreibt, sitzt er im Gefängnis der prätorianischen Garde an der Nordmauer der Stadt Roms und wartet auf die abschlieĂźenden Verhandlungen in seinem Prozess. Ich rufe in Erinnerung: Paulus hatte sich auf den Kaiser berufen, um die Rechtmäßigkeit des Evangeliums von Jesus Christus als legitime Ausdrucksform des alttestamentlichen Glaubens durch höchste Instanz bestätigen zu lassen. Es ging um nichts Geringeres als die Zusicherung der Glaubensfreiheit bzw. Religionsfreiheit fĂĽr die Christen der ersten Gemeinden im römischen Reich. Den Juden war die Religionsfreiheit nach vielen Glaubenskriegen als einzige Religionsgemeinschaft von den Römern gewährt worden, nur sie waren davon befreit, dem Kaiser als „Gott“ Opfer darzubringen. Nun leugneten eben ein Teil der Juden, dass die Christen Juden wären, deren Messias der Messias der Juden sei.

 

Oftmals vergessen wir, dass unser Glaube und unsere Praxis aus dem Judentum, aus dem Volk Israel hervorgingen. Erst als das Apostelkonzil die Entscheidung traf, dass ein Heide Christ werden könne auch ohne sich beschneiden zu lassen, ohne sich an das rituelle Gesetz der Juden zu halten, war der Weg gebahnt, einen Unterschied zu machen zwischen den Juden, die an Jesus als ihren Messias glaubten, und denen, die ihn als solchen ablehnten.

 

Auf diesem Hintergrund mĂĽssen wir den Konflikt, denn Paulus hier beschreibt, verstehen: es gab Menschen in den Synagogen, die jetzt ihre Chance sahen, nicht nur Paulus, sondern der ganzen jungen Kirche Jesu Christi groĂźen Schaden zuzufĂĽgen. Schon im Jahr 49/50 hatte der Kaiser Claudius alle Juden aus Rom verbannt, weil es zu Unruhen in der jĂĽdischen Gemeinde wegen eines gewissen „Chrestos“, bzw. „Christos“ gekommen war. (Die Aussprache der griechischen Buchstabe ETA war damals gleich dem Jota, also ein kurzes „I“. In der Fachsprache nennt man das „Itazismus“. Damals waren Prisca und Aquila aus Rom nach Korinth geflohen und zu Mitarbeitern des Paulus geworden bzw. umgekehrt. Es ist anzunehmen, dass damals schon der Streit in der jĂĽdischen Gemeinde um Jesus Christus ging.

 

Es gab nichts, was der römischen Herrschaft unliebsamer war, als Unruhe im Volk. Mit ihrer Politik „Brot und Spiele“ fĂĽr das Volk war sie darauf aus, das Volk bei Laune zu halten und zufrieden zu stellen. Die Gegner des Paulus hatten bewusst in der Ă–ffentlichkeit von Jesus Christus gesprochen, um die GemĂĽter zu erhitzen und den Streit vom Zaun zu brechen. Sie erhofften damit ein Urteil gegen Paulus und gegen die Nachfolger Christi. Zwar ist es ihnen bei dieser Gelegenheit nicht gelungen, die Christen in Verruf zu bringen – Paulus wurde wieder freigelassen – aber kurze Zeit später hat der wahnsinnige Kaiser Nero die Christen als SĂĽndenböcke ausgesucht und die erste offizielle staatliche Christenverfolgung eingefĂĽhrt. (Zwar ging es ihm vermutlich in erster Linie darum, ein Feindbild aufzubauen, das von ihm selbst ablenkt und den Zorn der Bevölkerung ĂĽber den in seinem Auftrag gelegten Brand zur Zerstörung ganzer 10 von 14 Wohnbezirke Roms auf andere umzuleiten, aber das hat ihn nicht davon abgehalten zahlreiche Christen in Teer und Federn einzutauchen und sie als Fackel in seinen Parkanlagen anzuzĂĽnden).

 

15 Einige zwar predigen Christus aus Neid und Streitsucht, einige aber auch in guter Absicht:

16 diese aus Liebe, denn sie wissen, dass ich zur Verteidigung des Evangeliums hier liege;

17 jene aber verkündigen Christus aus Eigennutz und nicht lauter, denn sie möchten mir Trübsal bereiten in meiner Gefangenschaft.

18 Was tut’s aber? Wenn nur Christus verkĂĽndigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darĂĽber.

 

Wenn nur Christus gepredigt wird! Diese Konzentration auf das Wesentliche wünsche ich mir! Alles von daher beurteilen, ob es Christus dient! Paulus hat sich ganz und gar in den Dienst des Evangeliums gestellt. Er hat sich in Gottes Hand gewusst. Er wusste, egal wie sein Prozess ausgeht, sein Leben oder sein Tod – mit beidem würde er seinem Herrn dienen. Darum fährt er fort:

 

Aber ich werde mich auch weiterhin freuen;

19 denn ich weiĂź, dass mir dies zum Heil ausgehen wird durch euer Gebet und durch den Beistand des Geistes Jesu Christi,

20 wie ich sehnlich warte und hoffe, dass ich in keinem StĂĽck zuschanden werde, sondern dass frei und offen, wie allezeit so auch jetzt, Christus verherrlicht werde an meinem Leibe, es sei durch Leben oder durch Tod.

21 Denn Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn.

 

Was haben wir bloß aus der Leidenschaft für Jesus gemacht? Wo gibt es diese Hingabe noch bei uns? Freilich: diese ultimative Konsequenz wird von uns seltenst abverlangt. Wir haben Religionsfreiheit, werden nicht um unseres Glaubens willen bedrängt, unterdrückt, diskriminiert oder gar verfolgt. Das macht es aber auch so leicht für uns, in Gleichgültigkeit und Lauheit des Glaubens zu verfallen.

 

Ich will nicht über „die Anderen“ reden, deren Einsatz für den Herrn der Kirche zumindest nach außen hin nicht erkennbar ist. Ich möchte über uns reden, über dich und mich. Über die, die die Bequemlichkeit des Bettes oder des Sofas heute Morgen verlassen haben, um eine gute Stunde die Kirchenbank zu drücken. Können wir so mit Paulus sprechen? Erwarten wir und hoffen wir sehnlich, dass wir nicht zu Schanden werden? Ist das unser sehnlicher Wunsch, dass Christus an unserem Leib verherrlicht werde – egal ob durch unsere Lebensweise oder durch unseren Tod für ihn und seine Sache? Für uns – im Unterschied zum Paulus – geht es wohl um die Lebensweise…

 

FĂĽr Paulus steht fest, was der Hebräerbrief auch sagt: Leben wir, so leben wir dem Herrn! Sterben wir, so sterben wir dem Herrn! Darum, ob wir nun leben oder sterben, so sind wir des Herrn! Denn darum ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, damit er Herr ĂĽber Lebende und Tote sei.“ Es geht um diesen Anspruch Jesu Christi auf unser Leib und Leben. Heute schon! Im Alltag! Bei der Arbeit, in den Vorlesungssälen, im BĂĽro oder Klassenzimmer, am KĂĽchentisch oder in der guten Stube. Darum geht es, dass Jesus Christus durch unser Leben verherrlicht wird! Darum geht es im Evangelium! Jesus Christus hat uns von Tod und Teufel los gekauft, dass wir ein ihm geheiligtes Leben in der Freiheit der Gotteskinder lieben. Er hat uns freigekauft, damit er mit seinem Geist von uns Besitz ergreifen kann, in uns wohnen und durch uns leben kann.

 

Vorletzte Woche durfte ich auf einer Missionskonferenz die Bibelarbeiten eines nigerianischen Bischofs hören (Benjamin Kwashi). Er stammt aus Jos, in dem Gebiet Nigerias, wo es besonders heftige Christenverfolgung gibt. In Anlehnung an unserer Stelle hat er persönlich Zeugnis abgelegt. Er erzählte davon, wie bewaffnete Männer zu seinem Haus gekommen waren, um ihn zu töten. Weil er nicht zuhause war, haben sie in Zorn seine Frau krankenhausreif geprügelt. Unter anderem hat sie zwei Beinbrüche erlitten. Denkt er daran, in den sicheren Süden des Landes zu ziehen? Oder gar ins Ausland zu fliehen? Es gebe viele Orte, wo er hin könnte. In dem gegenwärtigen Schisma seiner anglikanischen Kirche schauen Bischöfe und Pfarrer aus aller Welt in seine Richtung um Führung zu bekommen.

 

Nein! Der geht nicht! Er sagte uns: „wenn Sie mich töten, dann können sie mir keinen besseren Dienst erweisen! Dann werde ich vor meinem Herrn stehen! Das wird sicher im ersten Augenblick fĂĽr mich etwas unangenehm werden, wenn ich an alle meine Versäumnisse, Fehler und SĂĽnden denke, aber dann wird die Annahme und die Vergebung bei meinem Herrn all das vergessen werden lassen und ich werde in seiner Herrlichkeit bleiben!“ Aber er ist auch bereit ein beschwerliches Leben in der Nachfolge unter Verfolgung zu fĂĽhren. Lasst uns die Zeit auskaufen, die Glaubensfreiheit, die wir haben nutzen, um ein einladendes, glaubwĂĽrdiges Zeugnis fĂĽr unsern Herrn zu sein!

 

Wenn nur Christus gepredigt wird! – Nicht nur von unseren Kanzeln, sondern auch durch unsere Leben!

 

Amen