theo-logisch! – Wahrheit einfach sagen. theological! – plain and simple truth

Mittwoch, 25. November 2015

Predigt Buß- und Bettag 2015 ABH & Kirchengemeinde Derendingen

Filed under: Uncategorized — PCM @ 16:08

Predigttext: 2Mose 13,17-23

Donnerstag, 12. November 2015

Bibel und Koran – zwei Bücher, zwei Botschaften

Hier die Folien zu den Abenden der Hofacker AbendBibelSchule:

ABS2015 Lustnau I Mo

ABS2015 Lustnau II-Di

ABS2015 Lustnau III-Mi

ABS2015 Lustnau IV-Do

ABS2015 Lustnau V-Fr

 

Vorträge Bibel und Koran, zwei Bücher, zwei Botschaften

Hofacker Abendbibelschule:

Bibel und Koran, zwei Bücher, zwei Botschaften

1.) ABS2015LustnauI-Mo

2.) ABS2015LustnauII-Di

3.) ABS2015LustnauIII-Mi

4.) ABS2015LustnauIV-Do

5.) ABS2015LustnauV-Fr

Sonntag, 8. November 2015

Predigt zum Reformationsfest in Münchingen 01.11.2015

Filed under: Predigt,Theologie,Uncategorized — PCM @ 22:13

Predigttext Joh 1,15-17

Gnade – Wahrheit – Klarheit

Was wir brauchen im Lutherjahr 2017? Keine Feste in denen wir uns selber als evangelische Kirche Feiern, sondern eine grundlegende Reformation an Haupt und Gliedern!

 

 

Gehört der Islam zu Deutschland?

hier die Audiodatei vom Vortrag, Gehalten am 6.11.2015 beim Männervesper in Rotfelden:

Muslime in Deutschland

Filed under: Islam — PCM @ 15:41

Die Flüchtlingswelle hat den Blick dafür getrübt, dass es bereits davor zwischen 5.000.000 (offizielle Darstellungen) und 8.000.000 (Islamverbände) Muslime in Deutschland gab, die kaum im Blick der missionarischen Bemühungen sind.

Am längsten sind die Ahmadiyya in Deutschland ansässig. Diese sektiererischen Muslime, die zunächst während des ersten Weltkrieges als gefangene indischen Soldaten der britischen Armee in Berlin interniert wurden, sind geblieben. Ihre Wilmersdorfer Moschee, Nachfolger der hölzernen Barackenmoschee des Internierungslagers, wurde nach sechsjähriger Bauzeit 1928 eingeweiht. Weil die Ahmadiyya in Ihrer Heimat als Sekte von der sunnitischen Mehrheit schon immer unterdrückt und ihnen seit der Gründung des Staates Pakistan der Status als Muslime aberkannt wurde, suchen sie Asyl in aller Welt – auch in Deutschland. Sie sind von Anfang an sehr missionarisch ausgerichtet und haben eine weit gefächerte publizistische Tätigkeit entfaltet – nicht zuletzt im Internet.

Bei den Umwälzungen im Zuge der Unabhängigkeitsbewegungen und Bürgerkriegen in den Kolonialstaaten kamen auch Muslime aus Nordafrika nach Deutschland, darunter auch angehörige der Muslimbrüder, die unter der säkularen Regierung Ägyptens etwa als staatsfeindliche Organisation verboten waren. 1958 gründeten diese die Islamische Gemeinschaft unter dem Namen „Moscheebaukommission e.V.“. Ihren jetzigen Namen trägt die Organisation seit 1982.

Mit der Zuwanderung von Gastarbeitern in großem Stil aus der Türkei ab 1961 kamen zahlenmäßig viel mehr Sunniten nach Deutschland – vor allem organisiert in den dem türkischen Staat untergeordneten DITIB Moscheen und der diesen kritisch gegenüberstehenden Milli Görüş. Seitdem die AKP den Ministerpräsidenten und Staatspräsidenten (Erdogan) stellt und der Staat offiziell sich vom laizistischen Modell zum Modell einer islamischen Republik wandelt, gibt es eine immer größer werdende Einheit unter den türkischen Sunniten. Die ebenfalls aus der Türkei zugewanderten Aleviten (nach dem alevitischen Grünen-Politiker Ali Ertan Toprak eine „eigenständige Religionsgemeinschaft aus dem islamischen Kulturraum“) machen etwa 20% der türkischen Bevölkerung aus. Sie werden als religiöse Minderheit von den Sunniten nicht akzeptiert. Diese und die europäisch geprägten „weißen Türken“ werden in der Türkei propagandistisch bekämpft, auch bisweilen als „heimliche Christen“ beschimpft. Es gibt die These, dass es in Wirklichkeit auch um Kryptochristen geht, deren Vorfahren zur Annahme des Islam gezwungen wurden.

Die ultraorthodoxen Salafisten und Wahhabiten in Deutschland nähren sich aus allen Ethnien und sind – wie die Ahmadiyya – missionarisch sehr aktiv und mit der Milli Görüş dem politischen Islamismus zuzurechnen.

Die mystisch ausgerichteten „Sufis“ sind in Deutschland eine verschwindend kleine Minderheit, haben aber am ehesten über die letzten Hundert Jahre Anziehungskraft auf intellektuell bewegte Konversionen gezeigt.

Gegenwärtig entsteht erfreulicherweise unter individuellen Christen, Kirchen, Verbänden und Missionswerken eine Vision, diese Muslime, die teilweise in der vierten Generation in Deutschland leben, mit der frohen Botschaft von Jesus Christus zu erreichen. Am erfolgreichsten sind die lutherischen initiativen unter von der islamischen Revolution enttäuschten jungen Iranern der ersten Generation (Schiiten) in Niedersachsen und Berlin gewesen. Auch die Arbeit von Volksmissionaren der verschiedenen Ethnien sind hierzulande von Erfolg gekrönt gewesen. Oftmals wirken sie aber vereinsamt und ohne Hilfe von den Deutschen Glaubensgeschwistern. Hier wären Unterstützung und Zusammenarbeit sehr wünschenswert und verheißungsvoll.

Gebetsanliegen:

  • Für Offenheit und Liebe zu den Muslimen im Lande
  • Dass Muslime, die vom Islam enttäuscht sind, sich nicht zum Atheismus, sondern Christus zuwenden
  • Für Unterstützung der (Volks-) Missionare, die hier bereits unter Muslimen arbeiten
  • Dass erfolgreiche Modelle der Mission unter Muslimen hier Schule machen und gefördert werden
  • Für Zusammenarbeit zwischen Missionswerken, Kirchengemeinden und Gemeinschaften in Missionsbestreben unter Muslimen
  • Für Integration der Konvertiten in Gemeinden und Gemeinschaften

Dienstag, 3. November 2015

Mission an eine nach-christliche Religion

 

Stichwörter:

 

Der Muslim als gottesfürchtige Mensch

Der Islam als nachchristliche Religion

Der Islam als antichristliche Religion

Überlegenheitsgefühle

Minderwertigkeitsgefühle

Das islamische Weltbild

Das christliche Weltbild

Das islamische Menschenbild

Das christliche Menschenbild

 

 

  1. Einleitung

 

Gewöhnlich geht man von Matthäus 28,18-20 als Grundlage der Mission aus. Diese Sicht hat den Missionsgedanken und auch die frühe Missionswissenschaft sowohl auf katholischer Seite seit der Entstehung der verfassten Kirche als auch bis hin zu den Anfängen der modernen Missionsarbeit vom 18. Jahrhundert an bestimmt. Mission wurde begriffen als Mission der Kirche, als Aufgabe der Kirche Jesu Christi, die sich als Christus prolongatus versteht, damit er sich durch seine Kirche in der ganzen Welt ausbreite. “Machet zu Jüngern alle Völker, indem ihr sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes tauft und sie alles zu halten lehrt”, galt und gilt als Auftrag der Kirche sowohl zum Selbsterhalt (Missionarische Gemeinde in Deutschland) als auch zur Ausbreitung der Kirche und des Reiches Gottes in der ganzen Welt (klassische Missionsbewegungen).

 

 

Wie diese Mission auszusehen hat, wurde uns (bzw. den Aposteln) von Jesus ebensowenig erklärt, wie Kirche auszusehen hat. Bis zum Zeitalter der Moderne und dem Aufkommen des Individualismus hat man wenig darüber reflektiert. Die Form des Glaubens/ des kirchlichen Lebens wurde genauso übernommen wie dessen Inhalt. Das gilt sowohl für die altkirchlichen Traditionen, die auf Synagogen- bzw. Tempeldienst aufgebaut haben, wie in der modernen Mission, wo bestehende, europäische Strukturen selbstverständlich tradiert wurden. Erst mit der Unabhängigkeitsbewegung in den 40er bis 60er Jahren mit dem damit einhergehenden Aufblühen des nationalen und kulturellen Selbstbewusstseins kam auch langsam die Frage nach Verträglichkeit von Evangelium und Kultur auf.[1]  Dies führte mit der Zeit zur Frage nach der Inkulturation des Evangeliums in die jeweilige Kultur. Gleichzeitig entwickelte sich eine neue Sicht von Mission. Die jüngere Missionswissenschaft, beginnend mit den 50er Jahren, entdeckte den Missionsgedanken auch vor dem Missionsbefehl sowohl im Neuen wie auch im Alten Testament. So etwa Markus 3,14 “und er setzte Zwölf ein, die er auch Apostel nannte, dass sie bei ihm sein sollten und dass er sie aussendete zu predigen”. Aber auch im Alten Testament wird der “Gesandte”-Gedanke im prophetischen Handeln, ja in Gottes Heilsgeschichte überhaupt, entdeckt. So wurde ab der 50er Jahre vielfach von der “Missio Dei”[2] gesprochen, nämlich von der Mission Gottes in dieser Welt, die größer ist, als die Mission der Kirche Jesu Christi. Dieser Gedanke wiederum öffnete anderen Interpretationen Tor und Tür, bis dahin, dass im Zweiten Vatikanum und verschiedenen neueren Lehramtlichen Aussagen der katholischen Kirche vom “Wirken Gottes in anderen Religionen” gesprochen werden kann. Dass dieser Gedanke sich nicht auf die katholische Kirche beschränkt, dürfte bekannt sein, aber dennoch ist das evangelische Missionsver-ständnis schon von der Ekklesiologie anders gelagert. Dies bestimmt auch die unterschiedliche Anwendung des missio dei Konzepts. Ohne inhaltlich hier darauf eingehen zu können, wäre es doch durchaus interessant, eine missionswissenschaftliche Untersuchung der Zusammenhänge des barth’schen Ansatzes (“Gottes Sein ist im Werden”) sowie der daraus weitergeführten These Jüngels (“Gottes Sein ist im Kommen”) und der “missio dei”-theologie anzustellen. Ich stelle die These in den Raum, dass es ohne diesen Hintergrund nicht zum Epochenreferat zu Mission und Evangelisation von Eberhard Jüngel auf der EKD-Synode 1999[3] gekommen wäre.

 

Haben wir auf der einen Seite im Bereich der katholischen Missiologie die Vorstellung von der Mission der Kirche im öffentlichen wie im “geheimnisvollen” Bereich, so haben wir auf protestantischer Seite so gut wie durch die Bank eine auf pietistische Anliegen und Vorstellung zurück gehende Missiologie. Das liegt – wie schon angedeutet – an der unterschiedlichen Ekklesiologie der römisch-katholischen Kirche und der protestantischen Kirchen. Ist die katholische Kirche eine Kirche, die per definitionem kat ‘hole, eine Kirche, die Anspruch auf Universalität und eine Stellung der Vormacht erhebt, so haben wir auf der protestantischen Seite ein eher partikuläres ekklesiologisches Verständnis der Kirche, die sich nach politischen oder theologischen Grenzen definiert.

 

Eine gewisse Ausnahme bildet die anglikanische Kirche, die sich als rechtmäßige Nachfolgerin der römisch-katholische Kirche versteht im Bereich des Vereinigten Königreichs und seiner Dependenzen. Darum gibt es innerhalb der anglikanischen Missionsarbeit zwei Flügel. Der eine Flügel, vertreten etwa durch die “USPG” (United Society for the Propagation of the Gospel), auf der anderen Seite die “CMS” (Church Mission Society). Die USPG vertritt eher das Anliegen der katholisch gesinnten Anglikaner, die CMS eher das pietistisch-evangelikale Anliegen der Low Church. Da in der Zeit des Kolonialismus weite Teile Afrikas und Asiens unter britischer Herrschaft waren, spielt dieser Unterschied missionstheologisch und missionsgeschichtlich eine bedeutende Rolle.

 

 

Um zurückzukommen auf die ekklesiologischen Unterschiede, lassen Sie mich diese Thematik auf die Situation der Mission in der islamischen Welt übertragen: Während es von katholischer Seite her das Hauptanliegen ist, die Präsenz der römisch-katholischen Kirche zu wahren (als Beispiel sei genannt das Erzbistum Algier, das unter der Kolonialmacht Frankreich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wieder mit einem Erzbischof versehen wurde und bis heute Erzbischof und Diözesanbischöfe hat, obwohl die Zahl der katholischen Christen im ganzen Erzbistum weniger als 3000 sind). Nebenbei bemerkt: Der Erzbischof von Algier, Henry Teissier, ist mit einem Kommentar Ende Februar 2008 negativ aufgefallen, indem er  evangelikal ausgerichtete Christen dafür kritisierte, dass sie ihren christlichen Glauben unter Muslimen bezeugen. Dies würde für die katholische Kirche erhebliche Schwierigkeiten mit den Behörden verursachen, obwohl sie immer wieder beteuerten, dass es ihnen (den Katholiken) nicht um die Konvertierung von Muslimen bei ihrer Arbeit gehe. Hier will die römisch-katholische Kirche alte Ansprüche auf nordafrikanisches Territorium aufrechterhalten, indem die Kirche offiziell als Institution dort weiter existiert.

 

Auf der anderen Seite haben wir junge, dynamische, wachsende Gemeinden (hauptsächlich von Berbern), die nicht nur ihre alten Wurzeln im christlichen Glauben wiederentdecken, sondern zu einem neuen Glauben an Jesus Christus finden. Hier geht es nicht um die Aufrechterhaltung irgendwelcher Ansprüche, schon gar nicht um Macht oder Vormachtsansprüche. Hier geht es darum, dass Menschen zu einer lebendigen Beziehung zu Jesus Christus und zum Vater Jesu Christi kommen. Erst sekundär kommt die Frage der Gemeindebildung und der Ekklesiologie auf.

 

Das bringt uns zum grundsätzlichen Problem der Mission unter Muslimen.

 

  1. II) der Islam – eine NACH-christliche Religion

 

Zwar ist die Mission innerhalb der Einflusssphäre von allen sogenannten Hochreligionen ein mühsames und hoch sensibles Unterfangen, insbesondere auch der Inkulturation in diese Bereiche, aber weder im Bereich des Buddhismus, noch des Hinduismus noch des japanischen synkretistischen Systems ist die grundsätzliche Verschlossenheit dem Evangelium gegenüber von so tiefgründigem und anhaltendem Charakter wie es in der islamischen Welt der Fall ist.

 

 

Das hat leicht eruierbare Gründe. Auf die Geschichte des Islam und der christlichen Mission unter Muslimen will ich dabei nur insoweit eingehen, wie es für das Verständnis der besonderen Situation der Kirchen und der Mission in islamischen Ländern notwendig ist.

 

 

1) Der Islam versteht sich als Vollendung und Korrektur der biblischen Offenbarung.

 

Der Islam ist nicht nur chronologisch gesehen eine nach-christliche Religion, sondern auch inhaltlich. Ich lasse einmal dahingestellt, ob die allerneueste historisch-kritische Islamforschung mit ihrer Hypothese, Muhammad als historische Gestalt erst eine Generation nach der ersten Ausbreitungswelle des Islam als Christusersatz erfunden wurde, oder ob die traditionelle Islamforschung in Anlehnung an Sunna und Ähädith (as‑Siratu ‚l‑Nabawiyya)  recht hat mit der Überlieferung, dass eine historisch fassbarer Mensch, geboren nach dem Tod seines Vaters Abdullah  im “Jahr des Elefanten” 52 vor der Hidschra.[4]

 

Nach der islamischen Tradition wurde Mohammed  in der arabischen Stadt Mekka als verarmtes Familienmitglied der Haschemiten aus dem bedeutenden vorherrschenden Stamm der Quraisch geboren.  Im Alter von sechs Jahren verlor er dann auch noch seine Mutter Amina, weswegen er zunächst von seinem Großvater Abd al‑Muttalib erzugen wurde. Nach dessen Tod kam er unter den Schutz seines Onkels Abu Talib, des jüngeren Bruders seines Vaters. Dessen Sohn (d.h. Mohammeds Vetter) Ali ibn Abi Talib heiratete später Mohammeds Tochter Fatima und wurde 4. Kalif/ 1.Imam der Schiiten).

 

 

In jungen Jahren arbeitete Mohammed als Schafhirte, später nahm er angeblich an zwei Reisen der Handelskarawanen in den Norden (Syrien) teil. Wie es eine Prophetenlegende aus dem 8. Jahrhundert haben will, soll er in diesem Zusammenhang dem Mönch Bahira begegnet sein, der “das Siegel des Prophetentums” zwischen Mohammeds Schultern gesehen und darin die Schriftzeichen des alten und neuen Testaments. Unabhängig davon, ob diese Legende einen historischen Kern hat oder nicht, der Anspruch ist deutlich: Mohammed als Prophet des alleinigen Gottes hat die Legitimation des alten wie des neuen Bundes: in ihm kommt deren beide Erfüllung. Seine Botschaft gilt ebenso Juden wie Christen.

 

Gegen 595 bot ihm seine damalige Arbeitgeberin, die 15 Jahre ältere zweifache Kaufmannswitwe Chadidscha bint Chuwailid (555?–619) aus einem angesehenen kureischitischen Geschlecht die Heirat an. Mit ihrer Hilfe erlangte Mohammed seine finanzielle Unabhängigkeit und soziale Sicherheit. Es erfolgte eine Wende in seinem Leben. Seine Frau war die erste Person, die an Mohammeds Botschaft glaubte und gilt deshalb als die erste Muslima. Aus ihrer Ehe gingen vier Töchter hervor, wovon allein die jüngste, Fatima das Erwachsenenalter erreichte. Von ihr stammen alle Nachfahren Mohammeds ab. Neben Chadidscha waren Ali ibn Abi Talib und Abu Bakr, der erste Kalif nach Mohammeds Tod, die ersten Muslime.

 

Mohammed pflegte alljährlich einen Monat auf dem Berg Hira‘ in der Nähe von Mekka zu verbringen, um dort Buße zu tun. Zirka 610 n.Chr. – Mohammed war zu diesem Zeitpunkt etwa 40 Jahre alt – soll ihm der Erzengel Gabriel (arabisch „Dschibril“) erschienen sein. Das erste Offenbarungserlebnis, in Sure 93 des Koran wiedergegeben, stellt die Anfänge der Offenbarungen und damit den Anfang von Mohammeds Prophetie dar. Es war ein Traum, in dem Mohammed zur Rezitation eines geschriebenen – nach anderer Überlieferung vom Engel gesprochenen – Textes aufgefordert wurde. Von diesem Vorgang her leitet sich der Begriff “Koran” (Rezitation) ab. Die islamische Mohammedtradition sieht es bisweilen als “großes Wunder”, dass Mohammed, der Analphabet gewesen sein soll – was von anderen aber heftig bestritten wird – ein solches literarische Werk hätte nur mündlich zu Wege bringen können (nach schiitischer Tradition war es Ali, der alles nach Diktat des Propheten alle Suren aufschrieb.)

 

 

Zunächst während seiner Fastenzeiten, später auch in mehr prosaischen Zusammenhängen, wurden Stück für Stück die Ayyat und Suren des Korans durch Dschibril Mohammed zur “Rezitation”übermittelt. Das ist insofern wichtig, weil nach islamischer Vorstellung der Koran im Himmel höchst persönlich von Allah in arabischer Sprache in Ewigkeit niedergeschrieben wurde, in der “Nacht der Macht” (laylat-al-qudrat) der Engelwelt überlassen, die Dschibril wiederum damit beauftragt hat, den Inhalt durch Mohammed den Menschen zu übermitteln.

 

Schon im Koran gibt es sowohl die Vereinnahmung biblischer Inhalte für den Islam[5] sowie inhaltliche “Korrektur”: Tod und Auferstehung Jesu seien nicht geschehen, und es werden  Elemente aus gnostischen Quellen/Evangelien, z.B. aus dem Thomasevangelium, hinzugefügt, so z.B. Kindheitswunder Jesu. Später kommen in der islamischen Polemik “Formfehler” hinzu: am bedeutendsten durch einen gewollten “Ittazismus” (wie im Falle Kamilon-Kamelon), wodurch Fälscher des neutestamentlichen Textes aus “paraklitos”, “der Gehuldigte” oder “Gepriesene” – also muhammad – “parakletos”, “der Beistand” wurde. Nach islamischem Verständnis wurde nie der heilige Geist von Jesus als Tröster oder Beistand versprochen, sondern eben Mohammed. Das mittelalterliche Pseudoepigraph, das “Barnabasevangelium” wird gern als Beleg zitiert.

 

Ich halte fest: der Islam tritt mit einem erklärten Anspruch auf den Plan, nämlich die abschließende Stufe der (biblischen!) Offenbarung zu sein. Damit ist die biblische Offenbarung de facto überholt und nur vom Koran her zu deuten oder interpretieren.

 

 

Dieser Anspruch wird bestätigt und erhärtet von der islamischen Gottesgelehrsamkeit der folgenden Jahrhunderte bis heute. Besonders beschwerlich für die Missionsarbeit, für das christliche Zeugnis ist, dass Muslime eine starke Hybris anderen “Offenbarungsstufen” gegenüber. Es gibt überall in der islamischen Welt eine geradezu schizophrene Einstellung zum Christentum und Judentum. In der Theorie sei der Islam überlegen, besser, vollkommen, aber in der Praxis würden die Juden die Welt kontrollieren und die Christen/Kreuzzügler – das sind die Länder des Westens, allen anderen voran die Amerikaner mit ihrer industriellen und technologischen Vormacht eine permanente Demütigung für die Welt des Islam. Der Hass auf den “christlichen Westen” hat also unterschiedliche Gründe. Ob es ohne Kolonialgeschichte zu einem wiedererwachen islamistischer Tendenzen gekommen wäre, wage ich zu bezweifeln. Die junge, gebildete Schicht der Muslime ist besonders anfällig für extremistisches Gedankengut. Eine tiefe Kränkung, die als Demütigung durch den Westen empfunden wird, schürt den Hass. Aber auch einfache Menschen in islamischen Ländern sind von dieser schizophrenen Haltung betroffen: Ich denke an die Männer im pakistanischen Basar, die die Engländer beschuldigen, sie “Abhängig vom Teetrinken” gemacht zu haben – damit sie sie so finanziell “aussaugen” konnten…

Muslime sind, was Evangelium und christlicher Glaube betrifft, durchaus voreingenommen und halten den Islam für die überlegene Religion und den vollkommeneren Lebensentwurf. Dazu sind sie gründlich desinformiert – z.B. was die Trinität betrifft.[6]

 

  1. Der Islam hat seit seiner Gründung in der Hidschra das Christentum bekämpft.

 

Mohammed hat ursprünglich an die Einverleibung der Juden und Christen in den Islam geglaubt. Erst nach der Hidschra und den kriegerischen Auseinandersetzungen mit den jüdischen Stämmen in und um Medina ändert sich der anfangs wohlwollende Ton ihnen gegenüber. Das Ziel der Vereinigung wurde im Laufe der Koran-“offenbarung” auf die Wiederkunft Christi als Messias der Muslime (!) Verschoben.

Das Gebrochene Verhältnis zum Judentum und Christentum hat historische Wurzel – hält aber heute noch an. Dass die Armeen der Muslime weite christliche Gebiete haben erobern können ist die eine Seite. Dass sie an christlichen Heeren in Europa aber auch wiederholt gescheitert sind ist die andere. Seit Hunderten von Jahren stecken die Heere der Muslime Niederlagen gegen die der Christen ein. Der größte Held der Militärgeschichte ist heute noch Saladin.[7]

 

Wir Mitteleuropäer haben im Vergleich zu den Südeuropäern und Orientalen kaum einen Bezug zur Geschichte. Wir leben im Hier-und-Jetzt. Junge Iraner – oder meinetwegen Makedonier – identifizieren sich mit und definieren sich heute noch von Dareios und Alexander dem Großen her.

 

Für Muslime ist es heute noch ein Grund zum Hass gegen die Juden allgemein, dass zwei jüdische Stämme im Krieg um Medina die Lager gewechselt haben. Auch die Christen, die Mohammeds Abkehr vom Heidentum ursprünglich begrüßten, haben sich später von ihm distanziert, als klar wurde, was er mit seiner Religion eigentlich wollte.

 

Während der ersten mekkanischen Phase vor der Gründung der islamischen Gesellschaft in Medina sind zwei Ereignisse von besonderer Bedeutung: die nächtliche Himmelfahrt des Propheten (al‑mi‘radsch)  und die “Reise nach Jerusalem” (al‑isra‘).  Während erstere den Stand Mohammeds Jesus gegenüber bestätigen soll, lässt zweites unmissverständlich erkennen, was die Rangordnung unter den Propheten ist! Das gilt unabhängig davon, dass die kritische Islamwissenschaft beide Ereignisse als ein und dasselbe ansehen – der Fußabdruck auf dem Stein inmitten des Felsendoms sei der Ort, von dem Mohammed in den Himmel gefahren sei, die Himmelfahrt des Propheten gehöre ursprünglich nicht zu den Mekkanischen Traditionen.

 

Vom noch geschleiften Jerusalemer Tempelberg, auf dem später der Felsendom im Auftrag von christlichen Bauleuten errichtet wurde, soll wie gesagt, Mohammed in den Himmel aufgefahren sein. Nun aber der Clou: zuvor habe er dort ein Gebet nach islamischem Muster mit allen biblischen Propheten einschließlich Jesus geleitet. Nach kurzer Begegnung mit Gott soll sich Mohammed anschließend zusammen mit dem Erzengel Gabriel zurück nach Mekka begeben haben.

 

 

Die Zeit reicht nicht, hier auf die satanischen Verse einzugehen, die in diese Phase gehören. Es genüge der Hinweis, dass die heftigen Reaktionen der islamischen Welt zu diesem Thema nicht unbegründet sind! Es ist wohl der wundeste Punkt in der islamischen Tradition, der die Offenbarung auch grundsätzlich in Frage stellt. Aus christlicher Sicht ist natürlich die Frage, inwiefern Mohammed tatsächlich vom Teufel düpiert wurde!

 

Mit der Hidschra, dem Verlassen Mekkas und dem Sesshaft werden in der west-arabischen Stadt Yathrib kommt die Geburtstunde des Islam. Das ist von Großer Bedeutung, denn den Glauben an Allah als alleinigen Gott und Mohammed als seinen Propheten gab es zu diesem Zeitpunkt schon zirka ein Duzend Jahre. Aber erst hier in Yathrib gewann der Islam auch politische Macht und wurde zu einer gesellschaftlichen Größe. Das ist das Entscheidende an der Hidschra.

 

 

Mit der Übernahme des Islam als Normgebend für das gesellschaftliche Zusammenleben geschieht die Geburtstunde des Islam – nicht der Glaube ist entscheidend, sondern dass dieser politisch-gesellschaftliche Gestalt gewinnt!  Yathrib heißt nunmehr für die Muslime “Medinat-an Nabi” – “Ort, bzw. Stadt des Propheten”.  Die Stadt hat zum Zeitpunkt der Ankunft Mohammeds auch Bewohner, die schon vor der Hidschra Muslime geworden waren. Die medinensischen Anhänger nannte man die „Helfer“/„Unterstützer“ (al‑Ansar). Hinzu kamen die mekkanischen Anhänger Mohammeds, die „Auswanderer“ (Muhadschirun), die ihm gefolgt waren.

 

 

Dies ist der alles entscheidende Punkt in der Entstehung des Islam. Darum beginnt der islamische Kalender mit der Hidschra. Selbst die Suren des Koran werden in “mekkanische” und “medinensische” unterteilt. Mekkanische Suren unterscheiden sich von medinensischen Suren vor allem durch ihren Umfang (alle langen Suren stammen aus Medina) sowie durch ihren Inhalt bzw. ihre Qualität und ihren Ton.  Waren die mekkanischen Suren eher mit Glaubensinhalten beschäftigt, und waren sie durchweg positiv gestimmt den Juden und Christen gegenüber, so sind die in Medina “rezitierten” Suren mehr praktischer Art und auf die veränderte politische Situation ausgerichtet.

 

Fazit: Wir haben gesehen, dass die hervorgehobene Stellung Jesu als Prophet im Islam keine Brücke zu den Muslimen baut, sondern uns tiefgründig trennt. Einen Muslim für Jesus gewinnen heißt im tiefsten Grunde einen Gegner Jesu für ihn gewinnen!

 

 

3.) Die Identität des Muslim ist nicht nur religiös, sondern politisch-gesellschaftlich und sogar geographisch geprägt.

 

Der Islam als antichristliche Religion

Überlegenheitsgefühle

Minderwertigkeitsgefühle

Das islamische Weltbild

Das christliche Weltbild

Das islamische Menschenbild

Das christliche Menschenbild

 

Der Islam betrachtet Religion und Staat als Ganzes (din wa daula), darum schließt die Schari’a alle Lebensbereiche ein.

 

  1. A) Dar-al Islam/Dar al Harb

 

Der Islam ist eben nicht von Hause aus „nur“ Religion, sondern ein sozio‑politischer Entwurf, der zur Gründung einer Staatsmacht und einer Weltordnung im 7. und 8. Jh.. geführt hat. Das gilt in den Köpfen und Herzen der praktizierenden Muslime bis heute.  Sehen wir vom Beispiel Türkische Republik ab, die ein bewusst laizistischer und eben nicht islamischer Entwurf Mustafa Kemal Atatürks war, gibt es keine weiteren sozio‑politischen Entwürfe, die z.B. eine Trennung von „Kirche“ und Staat vorsehen. Ob Emir, Sheikh, Sultan, Khalif, Schah, Gouverneur, Präsident – die politische Macht in islamisch geprägten Ländern sieht sich nicht nur als defensor fidei – wie die Königin von England – sondern dafür verantwortlich, dass der Islam die gesellschaftlichen Strukturen definiert.  Dabei darf nicht übersehen werden, dass gerade in der Türkei die Kleriker, Hodschas etc. vom Staat angestellt sind und die Moscheen  vom Staat verwaltet werden, damit der Staat auch die Kontrolle hat.

 

Wie denkt ein Muslim über seine Religion? Im Islam gibt es eine große gelebte Vielfalt, was die Frömmigkeit betrifft. Es gibt auch konfessionsähnliche Unterschiede unter Muslime: Sunni, Schia, Ahmadiyya, Ismaili und andere mehr. Innerhalb der „Konfessionen“ bzw. „Sekten“ gibt es z.B. die “12er”, “7er” und “5er” Schiiten. Innerhalb der Sunniten „Lehrschulen“ (madhahib), die das Islamische Recht durch ihre judisprudentia (al-fiqh) z.T. unterschiedlich interpretieren,  von denen die wichtigsten die Hanfi, Maliki, Schafi’i, und Hanbali, in neuer Zeit auch Wahabi sind. Seit 1959 wird auch die Schiitische Rechtsschule der Dschaffari anerkannt.

 

Ganz entscheidend für die organisatorische Struktur des weltweiten und örtlichen Islam ist,

 

dass es keine institutionelle Bindung gibt. Das bietet gewisse Chancen, aber auch Komplikationen für die Mission. Die örtlichen Moscheen als „Gemeinden“ sind nicht Mitglieder in irgendwelchen Verbänden, die mit Kirchengemeinschaften zu vergleichen wären. Oftmals sind die Moscheen Privatbesitz eines Individuums oder einer Familie. Es gibt keine allgemein anerkannte Lehrinstanz. Der höchste Gelehrte der Al‑Azhar‑Universität genießt zwar den Respekt der Sunniten, kann aber keine rechtsverbindliche „Fatwas“ aussprechen. Solche „Rechstsprüche“ oder „Lehrmeinungen“ werden von den Gläubigen beachtet oder auch nicht. Letzten Endes kommt alles auf die Staatsmacht an, denn das islamische Weltbild ist (bisher) unzertrennlich mit dem politischen Gefüge verquickt, deutlich etwa am Wahhabitismus Saudi-Arabiens zu sehen. Die einzige allgemein anerkannte Autorität ist die des politischen Herrschers und sein Diktat. Es gibt sehr wohl Muslime, denen die Politik und die Religion vollkommen egal ist ‑ sie wollen ihr Leben leben wie jeder andere auch, aber was haben diese entgegenzusetzen, wenn Fundamentalisten oder gar Extremisten ihren Anspruch stellen, den „reinen Islam“ nach mittelalterlichem Herrschaftsmuster einzuführen? Wir sehen das hier in Deutschland an den salafitischen Moscheen, dem “Kalif von Köln” (der endlich ausgewiesen werden konnte), der Milli Görüs und anderen mehr.

 

  1. B) Das Islamische Weltbild

Das islamische Weltbild teilt die Erde geopolitisch in zwei Sphären ein: „Dar‑al‑Islam“ (Haus des Islam/ Haus der Unterwerfung/ auch “Haus des Friedens”[8] propagiert) und „Dar‑al‑Harb“ (Haus des Schwertes/Haus des Krieges). Haus des Islam ist jedes Gebiet, über das ein islamischer Herrscher herrscht, bzw. in dem es eine islamische Mehrheit gibt, die in der Lage ist, das islamische Recht für sich einzufordern ist. Die übrige Welt stellt das “Haus des Krieges” dar. In diesem Teil der Welt gilt es den Islam einzuführen und das Haus des Islam zu etablieren. Manche moderne Denker im Islam haben so etwas wie ein „Haus des Vertrages“ vorgeschlagen, dies ist jedoch nicht realisiert worden und auch nicht im offiziellen Islam als Option anerkannt. Es ist auch müßig als Modell zu verfolgen, da nach den geltenden Rechtsgrundlagen des Islam “Verträge” mit “Ungläubigen” spätestens nach 10 Jahren überprüft und nach Möglichkeit aufgekündigt werden müssen.

 

Im Haus des Islam herrscht der Islam. Das ist der Grund, warum überall in der islamischen Welt wo es islamische Herrscher oder Mehrheiten in der Bevölkerung gibt, nach Einführung der Scharia lautstark von fundamentalistischer Seite gerufen wird – und das mit zunehmendem Erfolg. Von Nordnigeria im Westen über Saudi Arabien, den Iran, Afghanistan und sogar Nordwestpakistan bis hin zu Aceh und Brunei.im Osten ist das verwirklicht worden.

 

Im Haus des Islam haben Muslime einen besonderen Status und sind durch das islamische Recht geschützt. Juden und Christen werden als „Volk des Buches“ toleriert, aber in einem untergeordneten Status als „Dhimmi“, das heißt so viel wie Schützlinge / Abhängige / Pfronpflichtige“ ähnlich dem Feudalsystem.

 

Der Herrscher bzw. der Staat bestimmt seine Gesprächspartner aus der Mitte der „Dhimmi“ und regelt deren Angelegenheiten mit diesen direkt. Sie haben keine eigene Vertretungsmöglichkeit. Der islamische Staat kann Schutz gewähren oder  Entziehen. Die „Dhimmis“ sind bestenfalls „Bürger zweiter Klasse“. Angehörige anderer Religionen (Kafirun) können gezwungen werden, zum Islam über zu treten.

 

Inzwischen ist es ebenfalls so, dass heute an der Ausdehnungsgrenze des Islam, wo er Vorstöße geographischer und politischer Art macht, um weitere Gebiete für den Islam zu gewinnen, die härtesten Auseinandersetzungen und die geringste Offenheit für die Mission herrscht. Von Nigeria im Westen bis Indonesien im Osten, vom Kosovo im Norden bis Kenia im Süden, überall an den Grenzen der mehrheitlich islamischen Gebiete gibt es Konflikte.

 

Das sind die bedauerlichen Vorzeichen, unter denen Mission in islamischen Ländern getan werden muss.  Dies wird jedem Missionar, der unter Muslimen arbeitet  – vor allem in der nicht islamischen Welt – vorsichtig werden und “Bekehrungen” mehrfach und sorgfältig überprüfen lassen, es wird aber auch die Frage der Inkulturation in einem mehr als zwielichtigen Licht erscheinen lassen…

 

Hinzu kommt ein grundlegender Unterschied in der Denkweise. Ich möchte das “vor-modernes” oder mittelalterliches Denken nennen.

 

  1. C) Mittelalterliches Denken

 

Weder Reformation noch Aufklärung haben in der islamischen Welt Schule gemacht – mit Ausnahme von Teilen der Bildungselite, die in Oxford, Cambridge, Harvard, MIT, Stanford usw. studiert haben. Das bedeutet, dass auch die positiven Auswirkungen des Individualismus in Entscheidungsfreiheit, Selbstbewusstsein, Zivicourage und Verantwortung des Einzelnen sich und nicht nur der Gemeinschaft gegenüber – das alles nicht in dem Maße ausgeprägt ist, wie in Ländern des Okzidents .

 

 

Weite Teile der islamischen Welt sind noch verhaftet im Stammesdenken[9]. Der Stamm (qabila) stellt den Lebensrahmen für den Muslim dar. Auch innerislamische Konflikte wie derzeit im Irak verlaufen nicht nur an “denominationellen” Grenzen entlang, sondern vor allem an Stammesgrenzen. Wir tun uns unheimlich schwer, uns in solch eine Situation hineinzudenken. Wir leben in der modernen westlichen Welt weitestgehend individuell autark. Nicht einmal die Kernfamilie ist mehr ein unerlässlicher Lebenrahmen für die meisten Bürgerinnen und Bürger. So können wir es kaum verstehen, wie das Gelingen eines Lebens in der islamischen Welt davon abhängen kann, dass Zusammenhalt und Treue innerhalb eines Stammes für einen Menschen für den Erhalt seiner Lebensgefüge entscheidend sein kann. Das macht die Konversion eines Moslem zum Christentum äußerst schwierig. Es ist heute gemeinhin bekannt, dass die Familie im islamischen Recht eine besondere Rolle bei der Ausübung der Scharia hat, insbesondere der Hadud-Vorschriften, auch die Allgemeinheit ist dafür sensibilisiert, dass die Kernfamilie eines Konvertiten analog zu dem Verhalten der Familie in den so genannten Ehrenmord-Fällen bei Abweichung von der allgemein akzeptierten ethischen Norm die Verpflichtung hat, die Strafe für Apostasie, den Abfall vom islamischen Glauben, zu vollstrecken.

 

Selbst wo es einem Moslem gelingt, seine Familie davon zu überzeugen, ihn in seinem neuen Glauben gewähren zu lassen, oder wo es einem Konvertiten gelingt, aus dem Familiengefüge auszusteigen und eine neue Existenz aufzubauen, selbst dort wird es kolossal schwer für einen Moslem, neue Beziehungen aufzubauen und ein Lebensgefüge, das funktioniert, zu schaffen.

 

 

Es wird in Kreisen von Missionaren, die in der islamischen Welt leben, manchmal bemängelt, dass Konvertiten diese Lebensgefüge bei ihnen suchen. Manchen kommt es so vor, als würde der Konvertit den Anspruch stellen: “ich habe mich dir angeschlossen im Glauben, du bist mein Bruder, meine Schwester, meine Familie, du musst auch für mich sorgen!” Missionare, die länger im islamischen Kontext gelebt haben, und für die gesellschaftlichen Gefüge sensibilisiert worden sind, wissen, dass – sofern es keine aus Konvertiten bestehende Gemeinde gibt, der Konvertit im Grunde gar keine andere Wahl hat. Dies ist auch der Grund, warum letzendlich der überwiegende Teil der Konvertiten aus dem Islam ihre Heimatländer verlassen und ein neues Leben in einem westlichen Land beginnen müssen. Oftmals hängt die Auswanderung mit direkter Gefahr für Leib und Leben zusammen. Selbst wo diese Gefahr nicht besteht, gibt es nur wenige Menschen, die die innere Kraft und die nötige Fantasie haben, ein Leben in solcher extremen gesellschaftlichen Vereinsamung aufzubauen.

 

Ein zentralasiatisches Sprichwort sagt: “Niemandes Tod ist vollzogen, solang der Stamm besteht”[10]. Die Lage in der Islamischen Welt ist ähnlich der Situation im Bereich der östlichen Orthodoxie[11]: es fand weder Reformation noch Aufklärung statt. Die autoritative Form des Islam ist mittelalterlich geblieben ‑ kann es zu einer grundlegenden Versöhnung zwischen dem Islam und der Moderne kommen? Es gab hoch‑Zeiten im Islam, die Sassaniden, Seldschuken, Mauren, Ghaznaviden, Moghulen, Ottomanen um nur einige der Großreiche zu nennen. Allerdings sind das zum Teil von Außen hereingetragene Elemente! Es gab auch einen „liberalen“ ‑ d.h. im Grunde inkonsequenten Islam in der Zeit der islamischen Übermacht im Osten[12]. Aus der Position der Stärke heraus gab es auch Milde, teils „Großmut“ Christen und Juden gegenüber. Wenn die Dominanz des Islam deutlich ist, dann kann er sich (muss aber nicht) auch von einer menschen‑ kunst‑ und wissenschaftsfreundlichen Seite zeigen. Wo er aber nicht dominiert, wird der Grund für diese „Misere“ in der eigenen Inkonsequenz gesucht und gefunden (s. die Äußerungen des Ministerpräsidenten Malaysias Mahathir Mohamad vor der Organisation islamischer Staaten im Okt.2003).

 

 

Der Fundamentalismus bricht in der Begegnung mit der Moderne auf ‑ auch und gerade mit dem Kolonialismus. Es ist das Bestreben, die Uhr zurückdrehen zu wollen[13].

Es gehört zur Ironie der Situation, dass gerade im Bereich des radikalisierten Islamismus die alten, mittelalterlichen Denkweisen und Strukturen überwunden werden. Der originäre islamische Gedanke der Umma, in der die Stämme vereint und zu einer starken Nation gemacht werden, ist zu neuem Leben erweckt. Wo der islamische Einheits- und Expansionsgedanke die Fantasien der Islamisten beflügeln, werden die engen Grenzen des Stammesdenkens überwunden. Gerade der Gedanke an einen pan-islamischen Dschihad hat eine ungeheuer stark vereinende Wirkung innerhalb der islamischen Welt. So zum Beispiel bei der Entstehung des Wahabismus und der damit einhergehenden Entstehung des saudiarabischen Königreiches.

 

 

Für die meisten Länder der islamischen Welt gilt, dass auch Christen die gesellschaftlichen Strukturen der Muslim übernehmen oder nachempfinden müssen, um ein sinnvolles Leben in dieser Gesellschaft zu ermöglichen. So ziehen sich die Grenzen zwischen Christen und Muslimen in mehrheitlich muslimischen Ländern oftmals an ethnischen Grenzen entlang. Es gibt auch christliche “Stämme”. Das ist auch der Grund dafür, dass ganze Stämme auf einmal zum christlichen Glauben übergetreten sind. So auch in Nordindien im überwiegend von Muslimen dominierten Teil des Subkontinents im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts. Nur wo ein Stamm geschlossen, oder zumindest zu einem großen Teil gleichzeitig den Religionswechsel vollzogen hat, konnte das Leben in einigermaßen geregelten Bahnen vorwärts gehen.

 

 

  1. Die Identität der Muslime hat “national-völkischen” Charakter

 

 

Es ist schon der Rede von der Umma gewesen. Der Begriff Umma bedeutet: Das islamische Volk in seiner Gesamtheit, und ist nicht nur etymologisch mit dem hebräischen Begriff  “ha‑am” verbunden.  Wo im Judentum ha-am das auserwählte Volk Gottes in aller Regel bezeichnet, im gewissen Sinne also wenn man will ein Heilsbegriff ist, so ist im Islam der Begriff Umma die Bezeichnung für die Gesamtheit der Menschen, die sich im Islam Allah unterworfen haben. Je nach Gebrauch bedeutet es die Summe aller Muslime oder die Summe aller islamisch regierten Länder und Gebiete.

 

Wir sahen bereits, dass die Identität eines Muslims von seiner Zugehörigkeit zu einem Stamm abhängig sein kann. Dabei darf nicht übersehen werden, dass die Stämme wiederum sich über den Islam definieren und mit dem Islam identifizieren. Ob Fulani oder Tuareg in der Sahara, ob Kureish oder Banu-Aus in Saudi Arabien, ob Oraksai oder Afridi bei den Paschtunen, die Stämme sind per definitionem muslimisch. Den Islam zu leugnen bedeutet den Stamm zu leugnen. Eine Abkehr vom Islam kommt einer Abkehr vom Stamm gleich. Das gilt auch für die islamischen Länder, in denen wegen der vor-islamischen gesellschaftlichen Struktur, in Ägypten etwa, oder durch eine nationale Bewegung, wie zum Beispiel in der Türkei, das Stammesdenken durch ein nationales bzw. nationalistisches Denken ersetzt wurde. So kommt es dazu, dass ein Staat sich durch die Konversion auch nur weniger seiner Bürger bedroht fühlen kann. Weil der Staat bzw. Die Nation sich über die Religion, über des Gesellschaftsentwurf des Islam identifiziert, gehört ein Konvertit zum Christentum nicht mehr dazu. Selbst in der laizistischen Türkei wird das so empfunden. Eine Abkehr vom Islam kommt einer “Beleidigung des Türkentums” gleich. Die Ermordung der Christen Hrant Dink und der drei Christen in Malatya in diesem Jahr sind die Folgen einer solchen Denkweise. Ein Türke hat Moslem zu sein! Die unsäglichen Schikanen gegen den ökumenischen Patriarchen, das Verbot, seinen offiziellen Titel zu führen, das Untersagen der Priesterausbildung innerhalb der Türkei und die andauernde Ablehnung, den christlichen Kirchen Rechtsstatus zu gewähren, all diese Missstände haben ihre Wurzel darin, dass die nationale Identität keinen Raum für Andersgläubige hat. Es handelt sich eben – wie vorher erläutert – um Dar al Islam – Haus des Islam. Christen kämpfen vergeblich in vielen Islamischen Ländern der Welt um Anerkennung als rechtmäßige, pflichtbewusste und treue Bürger ihres Staates. Ob Pakistani, Iraner, Türke oder Palästinenser, den Christen haftet der Geschmack des Dhimmi, des Abhängigen, des Minderwertigen, des Bürgers zweiter oder dritter Klasse an.

 

 

Das hat auch in den relativ modernen Staaten der islamischen Welt ungeheure Konsequenzen für die Mission und für das Leben der Kirche. Hatten die Palästinenser sich ursprünglich von den arabischen Fellachin dadurch unterschieden, dass sie als Nachfahren der Kreuzfahrer galten und somit auch zu einem bedeutenden Anteil christlich geprägt gewesen sind, so hat sich seit der Staatsgründung Israels und der Widerstandsbewegung der Palästinenser der Anteil der Christen unter den Palästinensern proportional zu den muslimischen Palästinensern in steigendem Maße stetig abgenommen. Inzwischen machen die Hamas keinen Hehl daraus, dass ein Palästinenser auch Muslim sein muss. Christliche Palästinenser werden systematisch als Schutzschild für die militanten Palästinenser missbraucht. So im Fall von Bet-Dschala und Bethlehem, wo radikale Palästinenser die Vororte und Zufahrtswege Jerusalems von besetzten christlichen Häusern auch beschossen haben, so auch im Gaza-Streifen, wo eine militante Gruppe den Gebäudekomplex der Baptisten besetzte, um von dort aus ihre innerpalästinensische Fehde auszufechten.

 

Die Unterdrückung des christlichen Anteils der Bevölkerung in solchen Ländern hat System und führt vielfach zu einer Mentalität der Unterdrückten. Die christlichen Stämme in Pakistan, die vorwiegend ab 1875 stammesweise zum Christentum übergetreten sind, sind schon Jahrtausende schon lange vor Ankunft der Muslime im dreizehnten, vierzehnten Jahrhundert unterdrückt gewesen. Dieser ehemals Kastenlosen im hinduistischen System wurden auch von den Muslimen verachtet als Heiden (Kafirun). Teilweise wurden sie zwangsislamisiert, wobei mindestens eine Gruppe unter dem äußeren Deckmantel des Islam ihre ursprüngliche Religion beibehielt und mit Modifikationen weiterpraktiziert.

 

 

Dies bringt uns zum Thema Inkulturation zurfück. Der enorme gesellschaftliche Druck der islamischen Mehrheit bleibt nicht ohne Auswirkung auch für das Leben der Christen in diesen Ländern. Das fängt mit der Fastenpraxis an, berührt die Essgewohnheiten, den Lebensrhythmus, die Festlichkeiten und Rituale. Wo in einem islamischen Land während des Ramadan gefastet wird,  müssen Christen nicht nur äußerste Vorsicht walten lassen, um die religiösen Empfindungen der Muslime nicht zu verletzen, und deren Zorn auf sich zu bringen, sondern dort wird auch das christliche Fasten so etwas wie Ehrensache. Man möchte ja den Muslimen in keinem Stück der Frömmigkeit nachstehen. So werden auch in manchen islamischen Ländern, wo es besondere Riten für die Toten gibt, auch solche Riten für Christen eingeführt. So gibt es etwa in Pakistan Gedenkgottesdienste für die Verstorbenen nach 40 und nach 100 Tagen. Manche Christen, beeinflusst durch die islamische Ansicht, finden schon den Gedanken an den Verzehr von Schweinefleisch für Ekel erregend. Was von westlichen Missionaren Ende der 70er, Anfang der  80er Jahre “Inkulturation” angeblich “entdeckt” wurde, geschieht in Wahrheit schon immer. Dabei verwahrt sich die islamische Gesellschaft davor, dass die Grenzen zwischen Muslimen und Christen oder Andersgläubigen verwischt werden. Als Ende des 19. , Anfang des 20. Jahrhunderts eine Kirche für einheimische Christen in der Altstadt von Peshawar unter dem Schutz der herrschenden Engländer gebaut wurde, wurde die Kirche im Stil einer indischen Moschee gebaut. Ob das nur taktische Gründe hatte, oder ob eine innere Anpassung gewollt war, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Weil aber das Bauwerk wie eine werdende Moschee aussah, gab es keinerlei Aufstand in der Bevölkerung bis zur Fertigstellung. Als aber ein Passant beobachtete, dass ein Bauarbeiter ein Kreuz auf der zentralen Kuppe errichtete, hat dieser ihn kurzerhand angeschossen. Diese bleibt die einzige mir bekannte Kirche im indischen Subkontinent, die moscheehafte Züge trägt.

 

Die Umma, die “Nation” der Muslime beharrt darauf, ein klares, unterschiedliches Profil als Unterscheidungsmerkmal zu anderen Religionsgemeinschaften beizubehalten. So ist es den Achmedias in Pakistan und den Aleviten in der Türkei verwehrt, ihre Gebetsstätten “Moschee” zu nennen. Die Moschee (auch Masichib) ist Merkmal des Herrschaftsanspruchs des Islam. Islamforschern ist es schon längst bekannt, dass die Moschee nicht in erster Linie religiösen, sondern gesellschaftlichen Charakter hat. Wo eine Moschee steht, herrscht die islamische Weltordnung. Darum muss die Moschee mit ihrem Minarett sich von anderen religiösen Gebäuden unterscheiden. So musste auch das monumentale Bauwerk der Hagia Sophia in Konstantinopel mit Minaretten ausgestattet werden. Nicht nur deswegen, dass der Muezzin die Gläubigen zum Gebet rufen konnte, sondern auch, um ein äußeres Zeichen der Dominanz aufzurichten. (Nebenbei bemerkt, ist es kein Wunder, dass ein deutscher evangelischer Bischof  die Pläne für die geplante Kölner Moschee für “zu triumphal” bzw. “imperial” hält.)

 

 

Christen in islamischen Ländern leben unter den beiden Vorzeichen der Dominanz und der Duldung. Sie werden von der islamischen Mehrheitsgesellschaft dominiert, sie werden bestenfalls geduldet, oftmals diskriminiert und unterdrückt. Das macht nicht gerade ein einladendes Bild von der Kirche Jesu Christi bzw. Christenheit in islamischen Ländern. In der  Tat sind die Kirchen in solchen Ländern, wo es keine ungebrochene Kontinuität in der Geschichte von vorislamischen Zeiten her gibt, in der Regel aus Rand- und Außenseitergruppierungen der Gesellschaft entstanden. Hier besteht eine direkte Parallele zur ersten Expansionsbewegung der jungen Kirche unter den Heiden: Was Tazitus als “Abschaum der Menschheit” empfunden hat, ist in einem Land wie Pakistan nicht anders. Christen werden entweder wegen ihres in den Augen der Muslime “minderwertigen” Glaubens oder auch wegen ihrer völkischen Zugehörigkeit gering geschätzt und auch verachtet.

 

 

Auf diesem Hintergrund ist es leicht zu verstehen, warum die christliche Mission in den islamischen Ländern sich so schwer tut. Selbst wo ein Mensch die Botschaft von Jesus Christus kennen und schätzen gelernt und auch diese Denkweise für sich selbst übernimmt, ist es noch ein großer Schritt, ein weiter Weg, bis er den Glaubenswechsel auch öffentlich vollzieht. Es gibt eine beträchtliche Zahl von so genannten “heimlichen Christen” in der islamischen Welt, die vielfach Beziehungen zu christlichen Missionaren unterhalten, aber weiterhin in ihren islamischen Familien und Verwandtschaftsbezügen als Muslime leben. Es gibt auch eine missiologische Debatte darüber, inwiefern man solche Menschen als Christen zählen kann. Während die meisten das Merkmal Taufe und auch das öffentliche Bekenntnis zu Jesus Christus verlangen als äußerliche Kennzeichen der Zugehörigkeit zu Jesus Christus und zu seiner Kirche gibt es andere, die meinen, es sei zu viel verlangt, dass ein Konvertit in manchen Ländern quasi sein eigenes Todesurteil unterschreibt, in dem er sich taufen lässt und öffentlich als Christ bekennt. Ein bereits verstorbener Kollege, der unter Paschtunen an der Grenze zu Afghanistan gearbeitete hat, sagte während seines zweiten Vierjahresaufenthaltes in Pakistan, er könne nur noch Kühlschränke und Klimaanlagen reparieren, einen Menschen zum Glauben an Jesus Christus zu führen, nur damit er von seinen Verwandten umgebracht würde, das könne er nicht! Wie es so oft kommt, flüchtete er sich zunächst in Akademika. In diesem Falle hatte das segensreiche Auswirkungen: Er untersuchte die Dynamik hinter den Bekehrungen aus dem Islam zum Christentum und stellte fest, dass die, die sich zu Jesus Christus vom Islam bekehrt haben, nicht nur bei vollem Bewusstsein der möglichen Konsequenzen das taten, sondern das auch gerne taten, weil die frohe Botschaft von Jesus Christus sie so ergriffen und ihr Leben so verändert hatte. “Christus, der ist mein Leben, Sterben ist mein Gewinn” ist ein Wort, das nicht nur zu Zeiten des Apostels Paulus Gültigkeit hatte!

 

 

An dieser Stelle möchte ich die Geschichte von dem Paschtunen Sia erzählen. Ich lernte Sia kennen Mitte der 80er Jahre, als er noch Muslim war. Als Blinder hatte er in Pakistan keine Erwerbsmöglichkeiten. Normalerweise wäre er zum Betteln verurteilt gewesen. Auf irgendeinem Wege hat ein Missionar seine Bekanntschaft gemacht und ihn gefragt, ob er eine Arbeit haben wolle als Sprachinformat für die Paschtu-Sprache bei einer Übersetzungsarbeit.  Das bot ihm eine bisher unbekannte Unabhängigkeit und es interessierte ihn auch. So arbeitete er jahrelang an einem geheimen Projekt in Peschawar zur Übersetzung des Neuen Testaments in die Paschtu-Sprache. Über seine Beschäftigung mit den Texten und der sinngetreuen Übertragung in seine Muttersprache wurde er immer mehr von der Botschaft Jesu Christi fasziniert und auch ergriffen. Er wurde gläubiger Christ und äußerte den Wunsch, sich taufen zu lassen. Als seine Taufe und der Übertritt zum Christentum und somit sein “Abfall” vom Islam bekannt wurde unter seinen Stammesangehörigen, wurde er entführt. Zuerst wurde er auf bewährte Weise windelweich geprügelt und übelst zugerichtet. Von ihm wurde verlangt, dass er dem christlichen Glauben absage und zum Islam zurückkehre. Er lehnte ab. Er sagte seinen Peinigern, sie könnten ihn noch so schlagen, seinen Jesus werde er nicht verlassen. Wo die Peitsche nicht geholfen hat, versuchten es seine Peiniger mit dem Zuckerbrot: Sie boten ihm ein Landgut an, das in seinen Besitz übertragen werden sollte, auf dem er in Ruhe und in Würde leben könne, die Felder würden von den auf dem Gut ansässigen Leibeigenen bewirtschaftet, die Tiere versorgt, die Obstbäume gepflegt und geerntet, er hätte ein paradiesisches Leben! Auch hier setze sich Siad zur Wehr. Auch wegen Wohlstand oder Reichtum werde er seinen Heiland nicht verleugnen! Wutentbrannt drohten ihm seine Entführer, die Zunge auszuschneiden, wenn er weiterhin so lästere und zum Islam nicht zurückkehre. Als Sia auch hier sich dem Druck nicht beugte, haben sie ihre Drohung wahr gemacht. Nachdem sie dem Blinden die Zunge ausgeschnitten hatten, legten sie ihm ein Blatt vor, auf dem er unterschreiben solle, dass er dem Christentum abgesagt und dem Islam wieder angenommen hat. Als er sich immer noch weigerte, brachten sie ihn um. Ja, Konvertiten aus dem islamischen Kontext wissen sehr wohl, worauf sie sich eingelassen haben!

 

Weil der Druck von Familie und Stamm, von Gesellschaft und Staat so groß ist, wird kein Mensch leichtfertig Christ in einem islamischen Land. Zwar gibt es die Fälle, wo ein junger Moslem sich in eine Christin verliebt und im Affekt den Wunsch äußert, Christ zu werden, damit er das Herz der jungen Frau auch gewinnen könne, aber die Fälle sind selten, und wenn es dazu kommt, dann ist die Konversion nie ernsthaft und schon gar nicht von Dauer. In vielen islamischen Ländern wird in so einem Fall die junge Christin schlicht entführt, von dem, der sie als Frau haben möchte, vergewaltigt, und somit fertige Tatsachen geschaffen. Das gilt gerade auch für Länder, wo es eine größere christliche Population gibt und die gesellschaftlichen Grenzen zwischen Muslimen und Christen Begegnungen zwischen den beiden Gruppierungen zulassen, wie etwa in Ägypten oder in Pakistan.

 

Wo es erfolgreiche Mission in islamischen Ländern gibt, dann betrifft diese in der Regel gesellschaftliche Randgruppierungen, die nichts oder nur wenig zu verlieren haben durch eine Konversion zum christlichen Glauben. Im indischen Subkontinent haben die ehemals Kastenlosen nicht nur ein Selbstbewusstsein gewonnen, wo sie durch die Annahme des christlichen Glaubens begriffen, dass sie Kinder Gottes sind, auch ihr rechtlicher Status in der Gesellschaft hat sich verändert. Und das betrifft nicht nur das hinduistische System, sondern ebenfalls die muslimische Gesellschaft des südasiatischen Subkontinents. Die zum Christentum Bekehrten galten nicht mehr als “Ungläubige” (Kafirun), sondern als “Volk des Buches” (Ahal al kitab). Der Islam behandelt ja Juden und Christen anders als Heiden. Als Besitzer eines Buches, das heißt als Empfänger der göttlichen Offenbarung haben sie eine gewisse Daseinsberechtigung. Wenn auch ihr Glaube nach islamischem Verständnis irregeleitet, korrumpiert ist, so sollten sie doch nicht zwangsislamisiert werden. Dass es trotzdem dazu gekommen ist im Laufe der Geschichte steht auf einem anderen Blatt und wird gleich nachher zur Sprache gebracht werden.

 

 

An dieser Stelle geht es mir darum, festzuhalten, dass der Islam als nachchristliche Religion bereits alle Sicherungen eingebaut hat, um eine Rückkehr vom Islam zum Christentum oder zum Judentum effektiv zu verhindern. In diesem Sinne ist der Islam nicht nur eine nachchristliche Religion, sie ist eine zutiefst antichristliche Religion. Sie ist eine Religion, die mit dem Anspruch, die Offenbarung des biblischen Gottes zu vollenden. Der Islam ist angetreten mit dem Anspruch, dem wahren Glauben zum Durchbruch zu verhelfen und die biblische Hoffnung auf das Reich Gottes, das bekanntlich eschatologisch gemeint ist, durch die Aufrichtung eines islamischen Weltreiches im Hier und Jetzt.

 

Ob Nordafrika, Maghreb, Maschrek, Persien (Sassanidenreich), Levante, Anatolien, Kleinasien, Bosnien, Zentral- und Südasien – weil der Islam eine nachchristliche Religion und Gesellschaftsordnung ist, hat der Islam in seinem Ausdehnungsbereich bereits mit dem Christentum abgerechnet. In seinen entscheidenden Expansionsphasen ist der Islam auf militärischem Wege zur Vorherrschaft gekommen. Zwar gab es auch viele, die aus Überzeugung Muslime geworden sind, darunter wohl das Gros der altkirchlichen Häretiker, die von der Kirche exkommuniziert und verrieben worden waren. Vieles spricht dafür, dass Mohammed das Christentum gerade in seinen häretischen und nichtorthodoxen Formen kennen gelernt hat. Häretische christliche Gruppierungen hatten den Schutz der Wüste gesucht, wie Paulus vor ihnen, damit der lange Arm der religiösen Justiz sie nicht erreiche. Viele Häretiker, etwa die, die die Gottessohnschaft Jesu leugneten, werden dem neuen “Propheten” Mohammed und seine Botschaft, seine Einstellung zu Jesus als Bestätigung gesehen und ihn gefeiert haben. Es kommt nicht von ungefähr, dass erst nach der Rezeption der ökumenischen Konzile es zur Ausbreitung des Islam kam, dass sogar ein Angriff auf Byzanz durch Muslime möglich war. Gleichzeitig mit der Ausbreitung des Islam im siebten Jahrhundert hören die innerkirchlichen dogmatischen Kämpfe auf. Der Islam wurde zum sicheren Hafen für einen Großteil der Häretiker und Schismatiker und auch inhaltlich zu deren Erbe. Auch in diesem Sinne ist der Islam eine antichristliche Religion. Sie bekämpft die zentralen Aussagen der Bibel, leugnet den dort aufgezeigten Heilsweg und ersetzt diesen mit einer Werkgerechtigkeit.

 

 

Das Hauptproblem bei der Inkulturation des Evangeliums in der Islamischen Welt ergibt sich also aus der Tatsache, dass der Islam eine NACH-christliche Religion ist, eingepfropft zwar in judeo-christliche Traditionen, aber mit einem völlig anderen “genetischen Schlüssel”. Anknüpfungspunkte gibt es “legion-weise”, leider sind die Gegenargumente schon weitgehend bei der Entstehung des Islam aus der Ratio der Abgrenzung ausformuliert worden.

 

Leider stellt sich die Frage kaum, wie die KIRCHE, bzw. Gemeinden durch eine gesunde Form der Inkulturation in der islamisch geprägten Gesellschaft einladend wirken könnte. Beispiele gibt es schon, aber die zeigen selber ihre Grenzen auf:

 

  1. a) Kawwali

In der sufisch geprägten Frömmigkeit spielen musische Elemente eine bisweilen große Rolle. Ob Derwisch-Tanz oder andere Formen des religiösen Tanzes (z.B. beim Zikr), ob Musik oder Gesang, wie in der Tradition des Kawwali zu Ehren des Propheten – diese Elemente haben alle den Hauch des Unorthodoxen an sich und werden von den Respektträgern der Orthodoxie bestenfalls geduldet.

  1. B) Gebetszeiten

 

  1. C) Kirchenbau nach Moschee-vorbild

 

Viele Elemente der islamischen praxis pietatis sind der jüdischen und oder christlichen entnommen:

Gebetszeiten vom monastischen Vorbild

Gebetshaltung mit prostratio

Bilderverbot (Bilderstreit)

Reinheitsgebote

Sitten und Moral

 

 

 

 

  1. Konsequenzen für die Missionsmethodik in der islamischen Welt

Randgruppen und Subkulturen (junge Iraner)

Minderheitgesellschaften (Algerien, Marokko, Tunesien, Europa!)

 

 

Raimundus Lullus (katalan. Ramon Llull* 1232 in Palma de Mallorca; + Anfang 1316 auf der Fahrt von Tunis nach Mallorca)

 

Samuel Zwemer

Samuel Zwemer (1867 – 1952) wurde einmal nach seinen Missionsmethoden gefragt: „Dr. Zwemer, welches ist Ihrer Ansicht nach die beste Methode, Muslime mit dem Evangelium Jesu Christi zu erreichen“ Antwort: „Meine Methoden sind dem wirklichen Leben und der tatsächlichen Praxis abgerungen. Dabei haben wir uns entschieden, niemals den Islam anzugreifen oder die Religion irgendeiner anwesenden Person madig zu machen. Sondern wir haben versucht, den Anspruch Christi positiv zu präsentieren und die Menschen liebevoll einzuladen, Christus als den Herrn ihres Lebens anzunehmen. Weist sie zu Christus, dem wahren Wort Gottes.“

 

Kenneth Cragg

Kenneth Cragg, einer der bedeutenden Väter des Christlich-Islamischen Dialogs, stellt fest: „dass es eine christliche Verpflichtung gegenüber dem Islam gibt, die unabhängig davon ist, wie Muslime darauf reagieren. Mission ist im Wesen Christi und im Wesen des Evangeliums verwurzelt und erhält seine Bedeutung durch die Haltung des Islam, der Christus nicht erkennt, wie er in Wirklichkeit ist. Da [aber] Christus ist, der er wirklich ist, muss er in aller Klarheit verkündigt werden. Da der Islam ist, was er ist, ist dieses Muss unwiderstehlich. Wo immer über die Person Christi Missverständnisse vorherrschen, steht ein durchdringendes Zeugnis auf der Tagesordnung. Wo immer die Herrlichkeit des Kreuzes verdunkelt wird, gilt es den Schleier zu entfernen. Wo immer Menschen Gott in Christus verpasst haben, muss er ihnen aufs Neue gebracht werden.“

 

 

Erzbischof Dr. Josiah Fearon aus Kaduna, Nigeria, der aus einer wirklichen Leidenssituation heraus kommt, sagte am 2. Advent 2003 in einer Predigt in Baiersbronn: „Wir haben als Christen gar keine andere Wahl, als die Muslime zu lieben und ihnen das Evangelium zu verkündigen. Wenn ihr aber diesbezüglich in Deutschland das Evangelium verschweigt an den Muslimen schuldig werdet, werden Sie euch eines Tag zum Gericht werden

 

[1]Aktuell gab es ein Erklärung nordamerikanischer Evangelikale zum Thema Evangelium und Kultur vom…

[2] Der Begriff wurde vor allem von Georg Vicedom im Umfeld der Weltmissions- konferenz von 1952 in Willingen verbreitet.

[3] Mission und Evangelisation, Prof. Dr. Eberhard Jüngel, Tagung der 9. Synode der EKD

  1. – 12. November 1999, Leipzig.

 

[4] Ob nach sunnitischer Tradition am 12. Rabi‘ al‑Awwal (571 war das der 25. April) oder nach den Schiiten am 17. Rabi‘ al‑Awwal 52 v.d.H. das wäre der 30. April 571 n.Chr. – in nichtislamischen Quellen findet man manchmal das Datum 20. April 571 – es lässt sich nur festsellen, dass das genaue Geburtsdatum unbekannt ist.

[5] u.a. Adam und Noah als Prophetengestalten, die Vertauschung der Isaak/Ismail-Gestalt bis hin zu Jesus als letzter Prophet vor Mohammed

[6]  So meinen Muslime im allgemeinen, dass die Trinität aus einem Vatergott, einer Muttergott (Maria) und einem Gottessohn bestünde. Freilich hat die altkirchliche Lehre von der “Gott-gebärerin” (theotokos) Missverständnisse in dieser Richtung erleichtert – aber es ist bezeichnend, dass im Islam der Bezug zum heiligen Geist vollkommen fehlt.

[7] Unter den modernen Islamisten vielleicht der Mahdi, der den Aufstand gegen die Engländer im Sudan geprobt hat, oder Osama bin Laden, aus bekannten Gründen.

[8] Wenn das “Haus des Friedens” sein soll, dann im nur im Sinne eines durch Unterwerfung “befriedetes” Gebiet – wie im Sinne der pax romana.

[9]So im vermeintlich “modernen” Irak, wo es immer noch ein Tauziehen um die politische Macht zwischen den Stämmen – nicht nur Völkern (!) gibt.

[10]kisi keh kushtah nashud az qabilah manest”.

[11] Der Patriarch der russisch orthodoxen Kirche spricht von einer „Symphonie“ von Kirche und Staat.

[12] Man denke nur an die pornographisch anmutende Kunst des mittelalterlichen Persiens.

[13]  Um1850 befindet sich der Mahdi im Sudan im Aufstand gegen die Briten. Kolonialismus und Macht des Westens sind die Auslöser für die Demütigung, die zur radikalen Form des Islamismus geführt hat.

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